Schlagwort: Tschetschenien

Beslan. Fatima

Wir haben einen kleinen Garten, in dem wir sitzen können, wie in einer Datscha. Meine Berliner Bekannte wollte nicht allein kommen, sondern mit jemandem, du weißt schon, es gibt da noch ein Mädchen aus Beslan, das manchmal zur Behandlung nach Berlin kommt. Sie wird mit ihrer Tante zusammen sein, dürfen wir vorbeikommen?

Das Mädchen entpuppte sich als unglaublich, es war völlig unmöglich, ihr Alter zu bestimmen. Sie umarmte alle, besonders mich und meine Tochter, und sagte liebevoll: „Du bist so gut. Du bist so schön! Du bist so nett!“ Faтja. Fatima. Fatima Dzgoeva. Eine der Überlebenden. Ihr Kopf wurde zerquetscht. Sie hat ihren halben Kopf verloren. Sie ist schließlich aus ihrem Koma aufgewacht. Ihr Kopf ist aus Eisen. Oder Titan, was auch immer. Und der Kopf tut ganz schön weh.

Ich bin ein sowjetisches Mädchen. Ich hatte gute Freunde in der Schule. Ich habe den 1. September immer geliebt. In diesem Jahr, 2004, war es besonders grausam, dass genau solche Mädchen, die den 1. September lieben, missbraucht wurden. Es ist keine Schande, es zu lieben, nein, wirklich. Und in diesem Jahr schien es, als würde niemand mehr am 1. September zur Schule gehen. Ich wollte schreien. Eine Benommenheit. Das Entsetzen.

Das Entsetzen des Mädchens, das 10 Jahre lang auf dieselbe Schule gegangen war, obwohl es die Schulappelle hasste, und das Entsetzen einer erwachsenen Frau, die selbst zwei Kinder hatte, verschmolzen für mich zu einem. Ich konnte es nicht in meinen Kopf bekommen.

aaron bird, Am neuen Beslan Friedhof, wo die meisten Opfer des Massakers von Beslan begraben sind, trauert eine Mutter um den Tod ihrer Tochter – Wikipedia

Seit 2004 fürchtete ich mich vor diesem Tag. Als ich meinen Sohn zur Schule brachte, erinnerte ich mich daran. Ich hatte Angst. Als ich meine Tochter drei Jahre später zur Schule brachte, erinnerte ich mich daran. Ich hatte Angst davor.

Ich dachte noch ein paar Jahre lang, dass es niemand je vergessen würde. Und dann? Dann habe ich es nicht vergessen, ich habe nur aufgehört, mich zu erinnern. Wir haben alle aufgehört, uns daran zu erinnern.

Eines der berühmtesten Fotos aus Beslan. Felix Totiev auf dem Friedhof „Stadt der Engel“, an den Gräbern seiner 6 Enkelkinder, die bei dem Attentat und dem Sturm der Schule starben: Boris Totiev (8), Larisa Totiev (14), Albina Totiev (11) Anna Totiev (8), Love Totiev (12), Dzera Totiev (15)

Und jetzt, nachdem ich mein blutrünstiges Heimatland endlich vergessen hatte, kam eine Erinnerung wie diese direkt vor meine Tür. Ich denke, der Apostel Thomas, der so ungläubig war, fühlte irgendwie dasselbe, als er seinen Finger in das Loch im Körper seines Lehrers steckte.

In meinem Garten, und dann auf dem Sofa in meinem Zimmer, saß das Mädchen Fatja und lächelte. Manchmal bekam sie Angst und fühlte Schmerzen im Kopf, aber meistens verhielt sie sich wie ein gefrorenes Kätzchen und kuschelte sich an jeden. Die Tante, die es mitgebracht hatte, Lana, war in der Nähe. Es war klar, dass sie ein wenig ausatmen wollte, um wenigstens einen Schritt weg von dieser unaufhörlichen Bewachung zu machen. Sie hat mit jemandem im Hof gesprochen. Fatja lächelte und saß mit den Kindern auf dem Sofa. Wie in einem Kindergarten unterhielten wir uns über den üblichen Unsinn.

Fatja beklagte sich, dass sie ein bisschen Kopfschmerzen hatte, aber sie lächelte die meiste Zeit und umarmte jeden, der gerade in der Nähe war. Sie war so seltsam, kein Mädchen, keine junge Frau. Ich dachte, ich sollte ihr etwas Hübsches schenken. Sie sprach von der Hochzeit in einem mädchenhaften Ton und ich wollte ihr etwas so Erwachsenes und Frauliches schenken. Ich holte meine Ohrringe hervor, die ich heute gekauft hatte, weil ich sie mir gönnen wollte. Und sie sagte schon wieder dasselbe: „Du bist so schön, so nett!“ Sie nahm sie und steckte die Ohrringe schnell irgendwo in ihre Jeanstasche, sie verstand wirklich nicht, was sie waren.

Fatja, liebes Mädchen, vergib uns.

Vladimir Varfolomeev, Beslan – flickr

Sie ist jetzt ein paar Jahre älter. Sie wurde fast getötet, als sie 10 Jahre alt war, und es war, als hätte sie nur noch eine Wertigkeit in Bezug auf unsere alptraumhafte Welt – zu lieben und zu umarmen. Ich höre noch immer ihre Worte in meinen Ohren: „Du bist so nett“.

Für mich ist der 1. September seither ein Tag des Gedenkens an die ermordeten Kinder. Tragen wir es in den Kalender ein.

Cover Illustration: Vladimir Varfolomeev, Beslan – flickr

Polinas Tagebuch (Auszüge)

Foto: Helena mit ihre Tochter Polina, 1990

Das Tagebuch von Polina ist einer der ersten Berichte über die Verbrechen des postsowjetischen Russlands. Die dokumentarische Erzählung eines Kindes, das inmitten des Krieges aufwächst, ist ein Text, den man hätte studieren sollen, um besser zu verstehen, wie die nationale Politik auf den Territorien des sterbenden Sowjetimperiums funktionierte. Mit neun Jahren hat sie ihr Tagebuch angefangen. Dann kommen zehn schreckliche Jahre ihrer Heimatstadt Grosny. Viele Tote, Tschetschenen, Russen, sterbende Hunde und Katzen, und trotz alledem geht das Leben aber immer wieder fort.

 
Wir veröffentlichen für Sie einige Auszüge aus diesem erschütternden Dokument. Vor dem Hintergrund des neuen Krieges, den die Russische Föderation entfesselt hat, ist dieser Text erneut sehr wichtig.

[Aus dem Ersten Tschetschenienkrieg, 1994–1996]

Рисунок Полины Жеребцовой (1995, ей 10 лет)

Рисунок Полины Жеребцовой (1995, ей 10 лет)

1994

25. März

Sei gegrüßt, Tagebuch! Ich lebe in der Stadt Grosny, in der Zawjety-IljitschaStraße. Ich heiße Polina Scherebzowa. Ich bin neun Jahre alt.

26. März

Zum Geburtstag, am 20. März, hat Mama Nusstorte gekauft. Wir waren im Zentrum, auf dem Platz viele Leute. Die Menschen schrien. Da waren Großväter mit Bärten. Sie liefen im Kreis. Lenin stand vorher in Gummistiefeln da. Das Denkmal. Dann haben sie ihn runtergeworfen, aber die Gummistiefel sind geblieben. Warum schreien die Menschen? Worum bitten sie? Mama hat gesagt: «Das ist eine Demonstration!»

1996

1. Februar

In der Stadt wurde geschossen. Ich war auf dem Markt. Beim Denkmal ist ein Auto in die Luft geflogen. Ich saß unter dem Tisch, während sie schossen. Alle waren erschrocken. Ich habe nach Yoga geatmet. Das war gut, danach wurde es still, und ich habe weiter verkauft.

Zu Hause habe ich Angst, allein zu sein. Die Kinder der neuen Nachbarn schlagen mit Knüppeln gegen die Fenster und klopfen an die Tür. Sie rufen Beleidigungen. An die Tür haben sie «russische Hündin» geschrieben. Mama hat die Tür abgewaschen, Ruslan hat geflucht. Tante Marjam hat gesagt, sie weiß nicht, welches Kind das geschrieben hat. Die Kinder sind neu. Sie sprechen kein Russisch. Auf die Hunde wird geschossen. Die Hunde im Hof sind umgebracht worden. Polja

9. Februar

Ich war auf dem Markt. Aus der Richtung, wo der Präsidentenpalast ist, wurde geschossen. Alle sind weggelaufen.

Mama suchte nach Großmutter Elisabeth im Rayon Minutki. Aber das mehrstöckige Haus, in dem meine Großmutter väterlicherseits wohnte, wurde zerbombt. Man sagte, alle sind getötet worden. Niemand hat überlebt. Polja

7. März

Es wird gekämpft. Maschinengewehre, Maschinenpistolen, Flugzeuge. Wir sind von unserer Haltestelle Neftjanka zur Haltestelle Berjoska gelaufen. Dort wohnt Mamas Freundin Ilja. Sie haben zusammen irgendwo gearbeitet. Der Krieg ist wieder aufgewacht. Ilja hat im Radio gehört, dass der Kommandeur Gelajew und seine Leute nach Grosny gekommen sind und die russischen Soldaten sie nicht reingelassen haben.

13. März

Ein Kind wurde getötet. Und seine Mama wurde nicht getötet. Das Geschoss ist im Hof explodiert. Wir versuchen, nicht auf die Straße zu gehen. Viele Tote.

7. April

Tante Amina hat gesagt, in dem Dorf Samaschki haben die Militärs viele Bewohner getötet. Ihr Bruder und seine ganze Familie sind dort umgebracht worden.

Mama sitzt und raucht Zigaretten. Wie ich die Zigaretten hasse! Wenn ich sie zerbreche, schlägt sie mich mit dem Handtuch. Auch Amina sitzt und raucht. Und beide weinen. Und Edik, der armenische Onkel, ist verschwunden. Wie vom Erdboden. In sein Haus sind irgendwelche Leute eingezogen. Keine Russen.

16. Mai

Mamas Geburtstag! Ich habe ihr eine Halskette gekauft. Sie hat sich gefreut. Hawa kam zu Besuch. Aljonka war hier. Ich habe ihnen einen Traum erzählt. Ich hatte geträumt, ich laufe über den Berjoska-Basar. Es ist Winter. Schnee. Und 60 Präsident Dudajew kommt mir entgegen. Er trägt einen roten langen Mantel und eine Soldatenuniform. Dudajew sieht mich und lacht. Er sagt: «Wir werden noch kämpfen!»

23. Juni

Wir verkaufen Sonnenblumenkerne. Waska kam vorbei. Seine Mama Dusja und sein Papa Petja wohnen im zweiten Stock, zweiter Aufgang. Sie wollen nicht aus Grosny wegziehen. Waska hat Gebäck gebracht. Wir haben einen alten Plattenspieler von Opa Anatolij.

Mansur ist weg. Angeblich sitzt er im Gefängnis. Sie haben ihn zur Untersuchung geholt. Der Nachbar Onkel Isa hat gesagt, dass die russischen Soldaten manchmal aufeinander schießen. Sie hassen sich selbst. Polja

27. Juni

Schießerei! Sie lagen im Gras. Direkt an der Haltestelle Berjoska sind eine Frau und ein Mädchen getötet worden. Sie trugen Wasser in Eimern, als eine Granate explodierte.

6. August

Ungefähr um vier Uhr fingen sie in unserem Rayon Staropromyslowskij zu schießen an. An der Haltestelle Neftjanka. Erst weit entfernt, dann nah. Es waren Maschinenpistolen. Ich legte mir ein Kissen auf den Kopf und lag da. Dann klopften die Nachbarn bei uns und bei Tante Marjam. Mama stellte Schemel auf. Alle Kinder setzten sich. Patoschka kam, ihre Schwester Asja und ihre Großmutter Zina. Das sind Awaren. Sie wohnen im zweiten Stock, in unserem Aufgang. Nach ihnen kamen die Nachbarn aus dem ersten Stock zu uns, und zu Tante Marjam kam aus dem dritten Stock Tante Tamara, ihre Kinder und Neffen. So sitzen wir da. Es ist wieder Krieg, sagen sie. Draußen donnert es aus einer Kanone!

7. August

Rumisa kam angelaufen, eine Tschetschenin, die im Haus nebenan wohnt. Sie hat Angst, ihre Nachbarn könnten den Aufständischen etwas sagen – ihr Bruder hat einen russischen Soldaten gerettet, einen Flieger. Sie hatten zusammen in der Armee gedient. Jetzt verstecken sie ihn zu Hause. Er ist schwer verwundet. Er heißt Iwan. Sie nennen ihn Ramzan – und lügen, er sei der stumme Bruder ihres Mannes. Er kann ja keinen Piep Tschetschenisch! Mama gab Rumisa Baldrian.

8. August

Der Krieg ist gekommen. Überall Aufständische. Sie vertreiben die russischen Soldaten aus Tschetschenien. In unserem Bezirk gibt es ungefähr hundert Aufständische. Sie haben einen Kommandeur. So ein Kleiner, Flinker. Sie nennen ihn «Batja». Ein Aufständischer, etwa zwanzig Jahre alt, ist sehr frech. Er hat einfach irgendwo Seife gestohlen, und die Leute haben sich bei Batja beschwert. Da hat der Naseweis aber was abbekommen!

Batja ließ ihn vor allen auf dem Hof strammstehen und brüllte: «Wir kämpfen gegen die russischen Eroberer!» Danach etwas auf Tschetschenisch und dann: «Allah, wie ich mich für dich schäme! Charam! Du bist kein Aufständischer, du bist ein Dieb!» (Tschetschenisch «Charam» bedeutet Schande.)

Der junge Aufständische stemmte die Arme in die Seite und antwortete: «Ich bin ein Neffe von Dudajew. Wage es nicht, mich anzubrüllen. Hau ab!»

Da ist Batja wütend geworden und hat ihn abwechselnd auf Russisch und auf Tschetschenisch angebrüllt. Die Bedeutung war ungefähr: Sollte er noch einmal etwas stehlen, dann ist es Batja ganz egal, wessen Neffe er ist, dann wird er ihn unehrenhaft aus der Einheit jagen! Alle Nachbarn waren froh. Sie bedankten sich bei Batja. Die übrigen Aufständischen sitzen mucksmäuschenstill. Die meisten von ihnen sind in Wohnungen gezogen. Die Leute nehmen sie bei sich auf und verpflegen sie. Im ersten Aufgang leben sie im Erdgeschoss. Hawa kam an und freute sich. Sie fährt mit ihrer Mutter nach Inguschetien – dort ist Frieden, und Papa Sultan bleibt hier, um auf die Sachen aufzupassen. Ihr Papa gefällt mir. Er schimpft Hawa nie aus, er verzeiht ihr alles. Er liebt sie sehr!

Bei Marjam schläft ein Mädchen in der Wohnung. Sie heißt Lajla. Sie hat einen langen Zopf und ist selbst ganz ganz dünn. Ohne Kopftuch. Mama und Marjam haben ihr zu essen gegeben, aber sie nahm es nicht an. Nur eine Tasse Kaffee hat sie getrunken. Lajla ist Aufständische. Sie ist neunzehn Jahre alt. Russische Soldaten haben ihren Mann gefoltert und getötet. Sie haben ihn und andere Menschen im Werk in Kalk geworfen. Ein Albtraum, sagt Mama. Sie sind bei lebendigem Leib verbrannt. Lajla hat ihr zwei Jahre altes Kind bei Großmutter und Großvater gelassen und eine Maschinenpistole genommen. Nie zuvor hat sie eine Waffe in der Hand gehabt, aber als man ihren Mann ohne Grund umgebracht hat, hat sie eine genommen. Und jetzt kämpft sie.

Dann sind noch zwei sechzehnjährige Aufständische in der Abteilung. Sie haben Hüte aufgesetzt, wie Piraten. Die fünfzehnjährigen Mädchen vom Hof laufen ihnen nach. Eine von ihnen ist Tamara, aus unserem Aufgang. Ihr Spitzname ist Puschinka. Sie geht leicht, wie tänzelnd. Das andere Mädchen ist aus dem Haus gegenüber. Sie heißt Rita. Sie hat Locken. Sie kommen zu diesen Aufständischen gelaufen, scherzen mit ihnen. Gackern. Bieten ihnen Marmelade an. Schmieren Marmelade aufs Brot und reichen ihnen Butterbrot. Und Mama hat zu den Aufständischen mit den Hüten gesagt: «Ihr seid Kinder! Was setzt ihr euch Hüte auf und steckt euch Federn hinein? Geht nach Hause!»

Und die Aufständischen piepsten zur Antwort: «Tante, wir werden sowieso getötet. Wir haben uns absichtlich schön angezogen. Wir wollen, dass wir schön in Erinnerung bleiben!»

Mama schüttelte den Kopf und ging weg, und ich sitze hier und schreibe es auf. Die Sonne scheint! Schießereien überall, die Kugeln fliegen, und die Mädchen gackern mit den Aufständischen mit Hut. Sie essen Marmelade. Puschinka gefällt der mit den blauen Augen sehr. Er heißt Ratmir. P.

2. September

Ich will lernen. Werden wir eine Schule haben?

Mama hat erfahren, dass ihr Bekannter im August getötet worden ist. Er war auf seinem Hof. Er hieß Alaudi. Hat auf mich aufgepasst, als ich ganz klein war. Mama ist in schlechter Stimmung.

Jemand hat die Katzenjungen umgebracht, die unter der Treppe lebten. Hat sie einzeln vor den Augen der Katze erschossen. Ich habe ihre kleinen Leichen gesehen. Fatima und Mama haben die Kätzchen beerdigt.

11. September

Der Papa meiner Freunde Saschka und Erik ist getötet worden. Ihr Papa war Aserbaidschaner, die Mutter ist Russin. Er ist zu Hause getötet worden, als sowohl die Russen wie auch die Aufständischen geschossen haben. Erik ist vierzehn, Saschka zehn Jahre alt. Erik ist ins Krankenhaus gelaufen und wurde von einem Scharfschützen beschossen. Er hat es bis dorthin geschafft. Aber sein Papa ist trotzdem gestorben. Jetzt haben sie nur noch die Mama und eine Großmutter. Saschka hat Angst vor Schießereien. Wenn geschossen wird, liegt er im Flur und hält sich den Kopf mit den Händen. Polja

1. Oktober

Die Kinder hassen mich in der Schule. Steine haben sie auf mich und Aljonka geworfen, als wir nach Hause gingen. Ich kenne sie nicht einmal. Sie haben einfach nur erfahren, dass wir russische Familiennamen haben, und rufen: «Russische Schweine.»

Das ist die neue Schule – meine sechste Klasse.

Ein Junge aus der zehnten Klasse kam und hat mich vor allen anderen geschlagen. Wir standen im Klassenzimmer – meine Klasse und die Lehrer. Ich fiel von dem Schlag hin. Meine weiße Bluse war ganz verdreckt. Er sagte: «Du russische Hündin!», und ging weg.

Und alle haben sich weggedreht. Niemand ist mir zu Hilfe gekommen. Sogar die Lehrerin hat nichts zu ihm gesagt.

9. Oktober

Ich bin für meine Arbeit gelobt worden. Sie wurde vor der Klasse verlesen. Ich habe über ein Segelschiff geschrieben. Das Segelschiff fährt auf dem Ozean. An Land ist Krieg, auf dem Schiff ist Frieden. Darauf sind alle, die keinen Krieg führen wollen. Ich habe eine Eins plus für das Thema und Vier minus für Rechtschreibung bekommen. Beim Schreiben mache ich einen Haufen Fehler.

Ein anderer Lehrer kam dazu. Sie fragten alle Kinder: Wer in ihrer Familie ist Aufständischer? Sie versprachen eine Belohnung und eine Kur. Die Kinder redeten, und das alles wurde auf einem Blatt aufgeschrieben. Dann verteilten sie Geschenke. Mir gaben sie nichts.

In Sport ging ich auf die Straße, und die Kinder aus unserer Klasse fassten sich an den Händen und brüllten los: «Mit dir werden wir nicht spielen! Du hast einen russischen Vornamen! Hau ab! Verschwinde! Du Russin!»

Der Lehrer sagte nichts. Mir wurde ganz leer innen. Warum sind sie so? Und ich ging weg. Ich saß allein auf einer Bank zwischen den Bäumen. Vor kurzem ist dort die Leiche eines Mannes in Jacke entdeckt worden. Ein Hund hatte ihn angefressen. Er lag dort mehrere Tage. Polja


Übersetzt aus dem Russischen von ​​©Olaf Kühl

Illustrationen und alle Materialien aus dem privaten Archiv von Polina Scherebzowa
NETSchrift bedankt sich bei der Autorin für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.
Bleiben Sie dran. In unseren nächsten Publikationen werden wir Ihnen die erste Übersetzung einiger Geschichten von Polina Zherebtsova ins Deutsche vorstellen.