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UMFRAGE: Russland ordnet Мobilmachung an. Was nun?

Russland ordnet knapp sieben Monate nach Beginn des Krieges gegen die Ukraine Teilmobilmachung an. Der Präsident Wladimir Putin sagte, dass Russland alle Mittel einsetzen werde, um seine territoriale Unversehrtheit zu schützen. Er  hat das strategische Nukleararsenal bereits in erhöhte Bereitschaft versetzen lassen zur Abschreckung für die Nato, sich in der Ukraine einzumischen.

Ob es einen großen Krieg geben wird? Wie wird der Westen auf die Annexion ukrainischer Gebiete reagieren? Geschieht jetzt etwas Neues, das sich von der Situation im Jahr 2014 unterscheidet?

Einige Fragen haben wir an die Leute in Berlin gestellt.

Und was denken Sie darüber? Teilen Sie Ihre Gedanken mit uns in den Kommentaren! Danke.

Russlands Teilmobilmachung: «Zeichen der Schwäche» und andere Kommentare

Putin hatte die Entscheidung zur Teilmobilmachung nach eigenen Angaben nach einem Vorschlag des Verteidigungsministeriums getroffen und das Dekret unterschrieben. Das sagte der Kremlchef am Mittwoch in einer Fernsehansprache. Die Teilmobilmachung bedeutet nach Putins Worten, dass Reservisten eingezogen werden. Sie würden den gleichen Status und die gleiche Bezahlung bekommen wie die jetzigen Vertragssoldaten und auch vor dem Fronteinsatz noch einmal militärisch geschult, so Putin.

Scholz erklärt Putins Teilmobilmachung mit militärischen Misserfolgen

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sieht Misserfolge im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine als Grund für die Ankündigung einer Teilmobilmachung durch Präsident Wladimir Putin. Scholz habe Putins Äußerungen zur Kenntnis genommen, sagte ein Regierungssprecher am Mittwoch in Berlin und zitierte den Kanzler mit den Worten: «Das alles kann man sich nur erklären vor dem Hintergrund der Tatsache, dass der russische Angriff auf die Ukraine nicht erfolgreich verlaufen ist.»

Putin habe seine Truppen umgruppieren müssen, sich von Kiew zurückziehen müssen und auch im Osten der Ukraine nicht den gewünschten Erfolg erzielt, sagte der Sprecher. «Das ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Ukraine sehr wirksam ist bei der Verteidigung der eigenen Integrität und Souveränität, nicht zuletzt auch wegen der massiven und großen Unterstützung aus vielen Ländern der Welt, ganz besonders auch aus Deutschland.»

FDP-Chef Lindner: Putins Teilmobilmachung «Zeichen der Schwäche»

FDP-Chef Christian Lindner hat die Entscheidung für eine Teilmobilmachung in Russland als «Zeichen der Schwäche» bezeichnet. «Die Ukraine lässt sich davon nicht einschüchtern und wir sollten es auch nicht tun», sagte Lindner am Mittwoch in Berlin. Die Teilmobilmachung zeige aber, dass man es mit einem noch lange dauernden Konflikt zu tun habe. «Darauf müssen wir uns politisch und wirtschaftlich einstellen. Vor allen Dingen müssen wir im Kreis unserer Verbündeten und Partner prüfen, wie wir die Ukraine bei einem noch lange dauerndem Kampf um Frieden und Freiheit auch dauerhaft unterstützen können.»

Auch die SPD im Bundestag bewertete den Schritt Russlands als «Zeichen der Schwäche». «Aber es ist auch eine neue Eskalation», sagte die Parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion, Katja Mast. Die Teilmobilmachung zeige, dass Putin gewillt sei, auch weitere Schritte zu gehen. Deshalb müsse die Unterstützung der Ukraine ohne Nachlassen weitergehen.

 

Vize-Kanzler Habeck kritisiert Russlands Teilmobilmachung scharf

Vize-Kanzler Robert Habeck (Grüne) hat Russlands Entscheidung zur Teilmobilmachung seiner Streitkräfte scharf kritisiert. Das sei ein «schlimmer und falscher Schritt», erklärte der Bundeswirtschaftsminister am Mittwochmorgen in Berlin. Die Bundesregierung berate derzeit über eine Antwort auf diese Entscheidung des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Habeck sagte der Ukraine in diesem Zusammenhang erneut die volle Unterstützung Deutschlands zu.

Russland «unter Druck»

Der FDP-Verteidigungspolitiker Ulrich Lechte sagte der Deutschen Presse-Agentur: «Nun greift langsam aber sicher die Verzweiflung bei Wladimir Putin und dem Verteidigungsministerium um sich». Die Anordnung mache deutlich, dass Russland bei seinem Angriffskrieg offenbar erhebliche militärische Verluste zu verzeichnen habe. «Eine weitere Eskalation ist unter diesen Umständen denkbar – ungeachtet dessen müssen und werden wir weiterhin fest an der Seite der Ukraine stehen.»

Unionsfraktionsvize Johann Wadephul (CDU) sagte, dass Putin endgültig die Maske fallen lasse. «Die Ukraine hat die Möglichkeit, das eigene Land erfolgreich zu verteidigen und von Russland besetzte Gebiete zu befreien.» Doch dafür brauche es mehr als zuletzt substanzielle Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft in Form von schweren Waffen. «Es ist höchste Zeit, dass Deutschland endlich den entscheidenden Schritt geht und Kampf- und Schützenpanzer westlicher Bauart liefert», sagte Wadephul laut Mitteilung.

Sara Nanni, Obfrau der Grünen im Verteidigungsausschuss, sieht Russland «unter Druck». Die Teilmobilmachung zeige aber auch: «Präsident Putin wird nicht von seinem Plan absehen, sich die Ukraine einzuverleiben. Entsprechend muss spätestens jetzt allen klar sein, dass die Unterstützung der Ukraine gegen die russische Aggression kein Staffellauf sondern ein Triathlon ist. Auf die nächsten Tage blicke ich mit großer Sorge», sagte sie «t-online».

AfD-Co-Chef Tino Chrupalla warnte: «Der Dritte Weltkrieg droht, und Deutschland wäre wegen der Eskalationsstrategie der Ampel direkte Kriegspartei.» Waffenlieferungen an die Ukraine führten zur Eskalation und zögen Deutschland in den Krieg hinein. Die Bundesregierung müsse sich für Friedensverhandlungen einsetzen «und eine atomare Konfrontation abwenden.» Deutschland habe im Ukraine-Krieg nichts zu gewinnen, «aber alles zu verlieren.»

Die Co-Parteichefin der Linken, Janine Wissler, forderte eine Aufnahme von Flüchtlingen aus Russland. «Menschen, die jetzt aus Russland fliehen, weil sie den Krieg ablehnen und nicht als Reservisten eingezogen werden wollen, brauchen Schutz und Asyl. Deutschland muss schnelle und unkomplizierte Aufnahmemöglichkeiten garantieren», sagte sie «t-online». Menschenleben würden immer mehr zum «Verschleißmaterial eines verbrecherischen Krieges Putins».

Kiew reagiert mit Spott auf Moskaus Teilmobilmachung

Kiew hat mit Spott auf die von Russlands Präsident Wladimir Putin angeordnete Teilmobilmachung reagiert. Der externe Berater des ukrainischen Präsidentenbüros, Mychajlo Podoljak, fragte am Mittwoch auf Twitter: «Läuft immer noch alles nach Plan oder doch nicht?» Der für «drei Tage» geplante Krieg dauere bereits 210 Tage. Die Russen, die eine Vernichtung der Ukraine forderten, hätten nun unter anderem die Mobilmachung, geschlossene Grenzen, blockierte Konten und Gefängnisstrafen für Deserteure erhalten. «Das Leben hat einen wunderbaren Sinn für Humor», schloss Podoljak.

Sein Kollege Olexij Arestowytsch interpretierte den Schritt des Kremls dahingehend, dass die hohen Verluste Russland zu dieser Maßnahme zwingen. «Es sind mehr als 100 000 an Getöteten und Verwundeten, eher knapp 150 000», schrieb Arestowytsch. Dabei seien bereits jetzt die nächsten 150 000 mental abgeschrieben. «Wie gut es doch ist, Russe unter Putin zu sein», schrieb er ironisch. Moskau hatte am Mittwoch von 5937 toten eigenen Militärangehörigen seit Kriegsbeginn gesprochen. Auch unabhängige Beobachter halten die realen Verluste aber für ein Vielfaches höher als genannt.

SPD sieht Putins Teilmobilmachung als «Zeichen der Schwäche»

Die SPD im Bundestag bewertet die Teilmobilmachung in Russland als «Zeichen der Schwäche». «Aber es ist auch eine neue Eskalation», sagte die Parlamentarische Geschäftsführerin Katja Mast am Mittwoch in Berlin weiter.

In einer Fernsehansprache hatte der russische Präsident Wladimir Putin eine Teilmobilmachung der eigenen Streitkräfte angeordnet. Zuvor hatte die ukrainische Armee die russischen Truppen in der Ukraine in den vergangenen Tagen teils stark zurückgedrängt.

Mast sagte, die Teilmobilmachung zeige, dass Putin gewillt sei, auch weitere Schritte zu gehen. Deshalb müsse die Unterstützung der Ukraine ohne Nachlassen weitergehen. «Die erneute Eskalation von Putin ist nicht geneigt, dass wir sehen, dass es schnell Gespräche über Frieden geben wird.» Mast sagte: «Wir brauchen einen langen Atem, auch das zeigt die Teilmobilmachung von Putin.»

In der Frage der Waffenlieferungen an die Ukraine gelte aber auch nach Putins Schritt weiter, dass Deutschland keine Alleingänge ohne die Bündnispartner unternehmen wolle.

Um die Folgen des russischen Kriegs gegen die Ukraine für Deutschland abzumildern, arbeite die Regierung weiter mit Hochdruck an der Dämpfung der Gas- und Strompreise. So setze Deutschland bei der geplanten Strompreisbremse auf einen europäischen Weg. Sollte dieser nicht klappen, solle es eine nationale Lösung hierfür geben. Weiter sagte Mast: «Wir arbeiten mit Hochdruck an der Gaspreisbremse, an der systematischen Veränderung der Preisstruktur für Gas und Wärme.» Hier werde die eigens dafür gegründete Kommission zügig Ergebnisse vorlegen.

Tschechien kritisiert russische Teilmobilmachung

Die tschechische Regierung hat die Teilmobilmachung in Russland scharf kritisiert. Der russische Präsident Wladimir Putin verfolge damit das Ziel, den Krieg gegen die Ukraine weiter zu eskalieren, schrieb Ministerpräsident Petr Fiala am Mittwoch bei Twitter. Der Schritt sei ein weiterer Beweis dafür, dass Russland der einzige Aggressor in diesem Konflikt sei.

«Es ist notwendig, der Ukraine zu helfen – und wir müssen darin auch in unserem eigenen Interesse fortfahren», mahnte Fiala weiter. Die Regierung in Prag aus fünf liberalen und konservativen Parteien hat seit Ende Februar Rüstungsgüter im Wert von umgerechnet mehr als 160 Millionen Euro an die Ukraine geliefert. Nach Medienberichten waren darunter unter anderem Panzer, Kampfhubschrauber und Radhaubitzen.

London: Teilmobilmachung ist Beweis für russisches Scheitern

Großbritannien hat die russische Teilmobilmachung scharf kritisiert und als Zeichen der Schwäche gewertet. «Dass Präsident (Wladimir) Putin seine eigenen Versprechen bricht, Teile der Bevölkerung nicht zu mobilisieren sowie die illegale Annexion von ukrainischen Gebieten sind Eingeständnisse, dass seine Invasion scheitert», sagte Verteidigungsminister Ben Wallace am Mittwoch einer Mitteilung zufolge.

Putin und der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu hätten «Zehntausende ihrer eigenen Bürger in den Tod geschickt, schlecht ausgerüstet und schlecht angeführt», sagte Wallace. Mit Blick auf Putins Erwähnung von Atomwaffen betonte der Minister: «Keine noch so große Drohung oder Propaganda kann die Tatsache verbergen, dass die Ukraine diesen Krieg gewinnt, die internationale Gemeinschaft geeint ist und Russland zu einem globalen Paria wird.»

 

 

Wir halten Sie am Laufenden: Erst jetzt wird Russlands Versuch von Grenzverschiebungen inakzeptabel?

Die von Moskau anerkannten «Volksrepubliken» Luhansk und Donezk im Osten der Ukraine sowie das Gebiet Cherson im Süden hatten am Dienstag angekündigt, über einen Beitritt zur Russischen Föderation abstimmen lassen zu wollen. Die Abstimmungen sollen demnach vom 23. bis 27. September abgehalten werden. Sie gelten als Reaktion auf die aktuelle ukrainische Gegenoffensive im Osten des Landes. Auf ähnliche Weise annektierte Russland 2014 die ukrainische Schwarzmeer-Halbinsel Krim. International wurde die Abstimmung nicht anerkannt. Auch diesmal ist eine Anerkennung nicht in Sicht.

Der Westen reagierte mit Sanktionen. Allerdings hatte Russland stets betont, sich durch die Strafmaßnahmen der EU und der USA nicht von seinen Zielen in der Ukraine abbringen zu lassen.

Russland werde alle Mittel einsetzen, um seine territoriale Unversehrtheit zu schützen, sagte Putin. Er erwähnte auch die Atomwaffen. Putin hat das strategische Nukleararsenal bereits in erhöhte Bereitschaft versetzen lassen zur Abschreckung für die Nato, sich in der Ukraine einzumischen.

Putin kündigt mögliche Annexion ukrainischer Gebiete an

Moskau (dpa) – Der russische Präsident Wladimir Putin hat die mögliche Annexion ukrainischer Gebiete mithilfe der Scheinreferenden in den besetzten Gebieten angekündigt.

«Die Entscheidung, die die Mehrheit der Bürger in den Volksrepubliken Luhansk und Donezk, in den Gebieten Cherson und Saporischschja treffen, unterstützen wir», sagte Putin am Mittwoch in einer Fernsehansprache.

Neben den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk in der Ostukraine wollen auch die von Russland besetzten Gebiete Cherson und Saporischschja im Süden über einen Beitritt zu Russland abstimmen lassen. Die zeitgleichen Scheinreferendum sollen vom 23. bis 27. September abgehalten werden. Sie gelten als Reaktion auf die aktuelle ukrainische Gegenoffensive im Osten des Landes.

Die Mehrheit der Länder hat sich zur Unrechtmäßigkeit und Unannehmbarkeit der sogenannten Referenden geäußert.

Von der Leyen: Russlands Versuch von Grenzverschiebungen inakzeptabel

New York (dpa) – EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat die geplanten Abstimmungen in mehreren ukrainischen Regionen über einen Beitritt zu Russland als klaren Verstoß gegen die Charta der Vereinten Nationen kritisiert. «Wir werden niemals den Versuch Russlands anerkennen, seine illegale und brutale Besetzung ukrainischer Gebiete zu legitimieren», teilte von der Leyen am Dienstag am Rande der UN-Generalversammlung in New York auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit.

«Die Absicht, die Grenzen der Ukraine zu verschieben, ist völlig inakzeptabel und ein klarer Verstoß gegen die UN-Charta und die Unabhängigkeit, Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine», betonte von der Leyen weiter.

Kiew droht Organisatoren prorussischer «Referenden»

Kiew (dpa) – Kiew will alle Organisatoren von Scheinreferenden in den von Russland besetzten Gebieten der Ost- und Südukraine strafrechtlich verfolgen. «Die zuständigen Organe der Ukraine werden nach ihnen fahnden und sie zur Verantwortung ziehen», teilte das Außenministerium am Dienstag in einer Erklärung mit. Gleichzeitig versicherte die Behörde, dass die sogenannten Referenden keinerlei juristische Folgen nach sich ziehen werden. Niemand werde auf diese Art veränderte Grenzen anerkennen.

«Alle ukrainischen Gebiete werden von der russischen Besatzung befreit und die russische Führung wird zur härtesten Verantwortung für den organisierten Terror, die Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf ukrainischem Boden zur Verantwortung gezogen», drohte das Ministerium.

Macron: Scheinreferenden in ukrainischen Gebieten weitere Provokation

Paris/New York (dpa) – Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat die geplanten Scheinreferenden in von Russland besetzten Gebieten in der Ukraine als zusätzliche Provokation bezeichnet. «Das hat keinen gesetzlichen Bestand», sagte Macron am Dienstag vor seiner Rede vor der UN-Generalversammlung in New York. «Allein die Idee, Referenden in Gebieten zu organisieren, die den Krieg erfahren haben, (…) ist das Zeichen des Zynismus.» Russland müsse die Ukraine verlassen und die international anerkannten Grenzen respektieren.

Weißes Haus: USA werden Scheinreferenden niemals anerkennen

Washington (dpa) – Die USA haben die angekündigten Abstimmungen in der Ukraine scharf verurteilt. «Wir werden dieses Gebiet niemals als etwas anderes als einen Teil der Ukraine anerkennen. Wir weisen das Vorgehen Russlands eindeutig zurück», sagte der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, in Washington am Dienstag. Die Referenden seien ein Affront gegen die Grundsätze der Souveränität und der territorialen Integrität, auf denen das internationale System beruhe.

«Wir wissen, dass diese Referenden manipuliert werden. Wir wissen, dass Russland diese Scheinreferenden als Grundlage für die angebliche Annexion dieser Gebiete entweder jetzt oder in Zukunft nutzen wird. Ich möchte klarstellen, dass die Vereinigten Staaten, sollte dies tatsächlich geschehen – und natürlich ist es noch nicht beschlossene Sache -, Russlands Ansprüche auf angeblich annektierte Teile der Ukraine niemals anerkennen werden.»

Scholz: «Scheinreferenden» in Ukraine werden nicht akzeptiert

New York (dpa) – Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat die geplanten Abstimmungen in mehreren ukrainischen Regionen über einen Beitritt zu Russland für völkerrechtswidrig erklärt. Es sei «ganz, ganz klar, dass diese Scheinreferenden nicht akzeptiert werden können, dass sie nicht gedeckt sind vom Völkerrecht und von den Verständigungen, die die Weltgemeinschaft gefunden hat», sagte Scholz am Dienstag am Rande der UN-Generalversammlung in New York. «Das ist alles nur der Versuch einer imperialistischen Aggression, die dadurch verbrämt werden soll.»

Russland müsse seine Truppen zurückziehen, forderte Scholz. «Die Ukraine hat jedes Recht, die Integrität und Souveränität des eigenen Landes und die eigene Demokratie zu verteidigen. Dabei unterstützen wir die Ukraine.»

 

 

 

Vertuschungsaktion für eine militärische Niederlage

Es war ein nervöser Tag. Putin ließ alle auf seine Rede warten (gehen wir davon aus, dass er noch am Leben ist), wahrscheinlich um die Situation weiter anzuheizen. Da Herr Präsident wusste, dass seine Rede bei der UN-Sitzung beantwortet werden würde, beschloss er einfach, den Spielzug auszulassen, wie bei einem Brettspiel. Bis jetzt hält er (oder jemand anderes) nur die Zeit an.

Selbst wenn anstelle einer speziellen Militäroperation nun ein ausgewachsener Krieg, volle Mobilisierung und der Ausnahmezustand ausgerufen werden – selbst das wird nur ein Theater sein.

Alle haben sich abgewandt, niemand will sich mit einem vor kurzem noch so unbesiegbaren Staat auseinandersetzen. Alle haben auf die Rechtswidrigkeit der von Russland angekündigten Referenden hingewiesen: Deutschland, die Vereinigten Staaten, sogar die Türkei fordert die Rückgabe der illegal annektierten Gebiete.

Unter den derzeitigen Umständen gibt es keine gute Lösung. Bedingungslos zu kapitulieren ist irgendwie unangenehm. Daher wird beschlossen, eine Reihe von Vorbehalten zu fordern. Die Situation bis zum absoluten Maximum eskalieren lassen und dann erst zu verhandeln beginnen. Wie eskaliert man? Drohungen, nukleare Erpressung, mit denen Russland hofft, in der Welt eine Hysterie auszulösen, nach der es möglich sein wird, die Welt glaubhaft „vor einer nuklearen Katastrophe zu retten“.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass der amtierende Präsident apoplektisch wird. Oder er wird angesichts seiner Bereitschaft, „den roten Knopf zu drücken“, sanft von seinen Aufgaben entbunden werden. Vielleicht wird das Imperium zunächst von einer Gruppe von Genossen, wie Solotow, Patruschew, Prigoschin, vielleicht auch jemand anderem, in Form eines neuen Staatliches Komitees für den Ausnahmezustand übernommen. Sie werden wahrscheinlich anfangen, ihn aufzuteilen, der gleiche Kaukasus wird wahrscheinlich an Kadyrow gehen.

Die Mobilisierung wird wahrscheinlich nur teilweise erfolgen, es wird eine Ablenkungstherapie sein.

Wir haben den Eindruck, dass es keinen Grund zur Sorge gibt.

Der Westen verbreitet beruhigende Informationen über eine Verlangsamung der militärischen Operationen seitens der Ukraine. Auch die Ukraine ist daran interessiert. Dies könnte auf eine baldige erfolgreiche Militäroffensive hindeuten.

Was die gemeinsamen Verteidigungskräfte der EU und der NATO betrifft, so sollten sie nach mehr als sechs Monaten militärischen Einsatzes jetzt in voller Alarmbereitschaft sein, um sich keine Sorgen zu machen.

Die Drohung mit einem Atomangriff sollte nur dazu dienen, die Dinge aufzuwärmen, damit hinterher jemand daherkommt und dem Drachen mit den Worten „Ich habe die Welt gerettet“ den Fuß auf die Brust setzt. Wer es sein wird, ob es eine einzelne Person oder eine Gruppe sein wird, ist jetzt nicht wichtig.

Vielleicht ist jemand daran interessiert, den echten Präsidenten zur Weißglut zu bringen. Ihn einfach zu Fall zu bringen – nervös nach einem Knopf zu greifen – und ihn zu entfernen. Eine echte nukleare Bedrohung setzt alle Hände frei, innen und außen.

Kurz gesagt, es ist wahrscheinlich, dass wir Zeuge einer Vertuschungsaktion für eine militärische Niederlage und einer Vernebelung des Machtwechsels werden.

Illustration: Midjourney

Neue russische Mythologie

Nach Berichten der russischen Katjuscha-Bewegung wurde am 7. September im Haupttempel der russischen Streitkräfte ein einzigartiges Glasgemälde eingeweiht, das bald an eine Schule in Mariupol übergeben wird. Das Buntglasfenster wurde aus Glasscherben hergestellt, die Aktivistinnen aus Mariupol an den Orten der Kampfhandlungen, die in diesem Frühjahr und Sommer in der Stadt stattfanden, gesammelt hatten. Es zeigt den Mönchskrieger Peresvet, der zur Armee von Dmitry Donskoy zurückkehrt, nachdem er Chelubey auf dem Kulikovo-Feld besiegt hat. Das Bild von Peresvet ist dem Gemälde „Der Sieg von Peresvet“ von Pavel Ryzhenko entnommen.

Bild aus dem Telegrammkanal Soft Power (Mjagkaja sila)

Pavel Ryzhenko (1970-2014) – erhielt den Titel eines Verdienten Künstlers der Russischen Föderation und malte zahlreiche Gemälde, die die russische Militärgeschichte würdigen. Er arbeitete im Grekov Studio der Militärkünstler von M. B. Grekov.

Nachfolgend ein Zitat aus dem Telegrammkanal Soft Power (Mjagkaja sila):

„Heute ist Mariupol unser neues Kulikovo-Feld. Der Ort, von dem aus die erneuerte russische Staatlichkeit begann, die Stadt – Symbol, die Stadt, in der die Wahrheit gesiegt hat. Wie damals, vor mehr als siebenhundert Jahren.

Nach der Einweihung werden wir das Glasfenster nach Mariupol bringen. Wir wollen es einer der Schulen in Mariupol schenken, die von Russland wieder aufgebaut wurde. Vorzugsweise im Geschichtsunterricht. Schließlich leben wir inmitten wahrhaft historischer Ereignisse“.

Bild aus dem Telegrammkanal Soft Power (Mjagkaja sila)

Kommentar der Anthropologin Tatiana Krykhtova:

„Unheimlich. Dieses Glasgemälde wurde in Häusern in Mariupol gesammelt, im Tempel der Armee geweiht und soll einer Schule in Mariupol geschenkt werden. In dem Glasgemälde kehrt der Kriegermönch Peresvet nach seinem Sieg über Chelubei in der Kulikovo-Schlacht zur russischen Armee zurück. Für Peresvet war dieses Duell, wie auch für seinen Rivalen, tödlich; er gilt als Sieger, weil der Tote länger im Sattel blieb. Das heißt, es reitet ein toter Mann auf dem Glasgemälde. Ehrlich gesagt, es hat keinen Sinn, das zu kommentieren“.

Unser Kommentar zu diesem Ereignis

Mit diesem Ereignis haben wir eine weitere Bestätigung dafür erhalten, dass die Religion, zu der sich die offizielle Kirche der Russischen Föderation bekennt, wenig mit dem Christentum zu tun hat, sondern eher ein Kult der toten Vorfahren ist, die im Idealfall Krieger waren.

Ähnlich wie die kurz vor dem Krieg geweihte Kirche sofort als Tempel der Kriegsanbetung erkannt wurde, symbolisieren auch die von der neuen Gemeinde geschaffenen Ikonen vielmehr eine Art ewigen Totenkult als eine Religion des ewigen Lebens. Es ist kein Zufall, dass die Ästhetik der Dekoration dieser Kirche der Ästhetik von Computerspielen sehr nahe kommt und dass dieser „Schrein“, der buchstäblich aus echten, mit Blut bespritzten Kriegsscherben geschaffen wurde, der modernen Mythologie der Massenkultur näher steht, in der Zombies in einem Zustand des ewigen Todes operieren als christliche Heilige, die das ewige Leben verdient haben.

Cover Illustration: Bild aus dem Telegrammkanal Soft Power (Mjagkaja sila)

 

Beslan. Fatima

Wir haben einen kleinen Garten, in dem wir sitzen können, wie in einer Datscha. Meine Berliner Bekannte wollte nicht allein kommen, sondern mit jemandem, du weißt schon, es gibt da noch ein Mädchen aus Beslan, das manchmal zur Behandlung nach Berlin kommt. Sie wird mit ihrer Tante zusammen sein, dürfen wir vorbeikommen?

Das Mädchen entpuppte sich als unglaublich, es war völlig unmöglich, ihr Alter zu bestimmen. Sie umarmte alle, besonders mich und meine Tochter, und sagte liebevoll: „Du bist so gut. Du bist so schön! Du bist so nett!“ Faтja. Fatima. Fatima Dzgoeva. Eine der Überlebenden. Ihr Kopf wurde zerquetscht. Sie hat ihren halben Kopf verloren. Sie ist schließlich aus ihrem Koma aufgewacht. Ihr Kopf ist aus Eisen. Oder Titan, was auch immer. Und der Kopf tut ganz schön weh.

Ich bin ein sowjetisches Mädchen. Ich hatte gute Freunde in der Schule. Ich habe den 1. September immer geliebt. In diesem Jahr, 2004, war es besonders grausam, dass genau solche Mädchen, die den 1. September lieben, missbraucht wurden. Es ist keine Schande, es zu lieben, nein, wirklich. Und in diesem Jahr schien es, als würde niemand mehr am 1. September zur Schule gehen. Ich wollte schreien. Eine Benommenheit. Das Entsetzen.

Das Entsetzen des Mädchens, das 10 Jahre lang auf dieselbe Schule gegangen war, obwohl es die Schulappelle hasste, und das Entsetzen einer erwachsenen Frau, die selbst zwei Kinder hatte, verschmolzen für mich zu einem. Ich konnte es nicht in meinen Kopf bekommen.

aaron bird, Am neuen Beslan Friedhof, wo die meisten Opfer des Massakers von Beslan begraben sind, trauert eine Mutter um den Tod ihrer Tochter – Wikipedia

Seit 2004 fürchtete ich mich vor diesem Tag. Als ich meinen Sohn zur Schule brachte, erinnerte ich mich daran. Ich hatte Angst. Als ich meine Tochter drei Jahre später zur Schule brachte, erinnerte ich mich daran. Ich hatte Angst davor.

Ich dachte noch ein paar Jahre lang, dass es niemand je vergessen würde. Und dann? Dann habe ich es nicht vergessen, ich habe nur aufgehört, mich zu erinnern. Wir haben alle aufgehört, uns daran zu erinnern.

Eines der berühmtesten Fotos aus Beslan. Felix Totiev auf dem Friedhof „Stadt der Engel“, an den Gräbern seiner 6 Enkelkinder, die bei dem Attentat und dem Sturm der Schule starben: Boris Totiev (8), Larisa Totiev (14), Albina Totiev (11) Anna Totiev (8), Love Totiev (12), Dzera Totiev (15)

Und jetzt, nachdem ich mein blutrünstiges Heimatland endlich vergessen hatte, kam eine Erinnerung wie diese direkt vor meine Tür. Ich denke, der Apostel Thomas, der so ungläubig war, fühlte irgendwie dasselbe, als er seinen Finger in das Loch im Körper seines Lehrers steckte.

In meinem Garten, und dann auf dem Sofa in meinem Zimmer, saß das Mädchen Fatja und lächelte. Manchmal bekam sie Angst und fühlte Schmerzen im Kopf, aber meistens verhielt sie sich wie ein gefrorenes Kätzchen und kuschelte sich an jeden. Die Tante, die es mitgebracht hatte, Lana, war in der Nähe. Es war klar, dass sie ein wenig ausatmen wollte, um wenigstens einen Schritt weg von dieser unaufhörlichen Bewachung zu machen. Sie hat mit jemandem im Hof gesprochen. Fatja lächelte und saß mit den Kindern auf dem Sofa. Wie in einem Kindergarten unterhielten wir uns über den üblichen Unsinn.

Fatja beklagte sich, dass sie ein bisschen Kopfschmerzen hatte, aber sie lächelte die meiste Zeit und umarmte jeden, der gerade in der Nähe war. Sie war so seltsam, kein Mädchen, keine junge Frau. Ich dachte, ich sollte ihr etwas Hübsches schenken. Sie sprach von der Hochzeit in einem mädchenhaften Ton und ich wollte ihr etwas so Erwachsenes und Frauliches schenken. Ich holte meine Ohrringe hervor, die ich heute gekauft hatte, weil ich sie mir gönnen wollte. Und sie sagte schon wieder dasselbe: „Du bist so schön, so nett!“ Sie nahm sie und steckte die Ohrringe schnell irgendwo in ihre Jeanstasche, sie verstand wirklich nicht, was sie waren.

Fatja, liebes Mädchen, vergib uns.

Vladimir Varfolomeev, Beslan – flickr

Sie ist jetzt ein paar Jahre älter. Sie wurde fast getötet, als sie 10 Jahre alt war, und es war, als hätte sie nur noch eine Wertigkeit in Bezug auf unsere alptraumhafte Welt – zu lieben und zu umarmen. Ich höre noch immer ihre Worte in meinen Ohren: „Du bist so nett“.

Für mich ist der 1. September seither ein Tag des Gedenkens an die ermordeten Kinder. Tragen wir es in den Kalender ein.

Cover Illustration: Vladimir Varfolomeev, Beslan – flickr

Michail Gorbatschow ist tot

(dpa) – Der frühere sowjetische Präsident Michail Gorbatschow ist nach Angaben russischer Agenturen tot. Wie Tass und Interfax am späten Dienstagabend aus Moskau meldeten, starb Gorbatschow im Alter von 91 Jahren.

Mikhail Gorbachev

Mikhail Gorbachev. General Secretary of the CPSU Central Committee Mikhail Gorbachev speaking at a news conference after a Soviet-American summit in Reykjavik, Iceland, in 1986. Foto: Wikipedia

Dass Gorbatschow die sowjetische Macht bewusst und zielgerichtet zerstörte, zeigte sich im September 1989, als die „antisowjetischen“ Artikel des Strafgesetzbuchs – 190 und 70 – abgeschafft wurden.

Dem Regimechef konnte nicht entgangen sein, dass allein diese Artikel – also der ideologische und politische Terror – das Sowjetregime von Anfang an zusammengehalten hatten. Und ihre Abschaffung würde unweigerlich Redefreiheit, Pressefreiheit, Mehrparteiensystem und andere Albträume der sowjetischen Bosse nach sich ziehen. Wie es sich auch herausstellte.

Gorbatschow ist derjenige, dem wir den Zusammenbruch der UdSSR zu verdanken haben.

Die tote sowjetische Wirtschaft hätte für sein Leben gereicht. Es ging aber auch nicht um die Wirtschaft.

In diesem Zustand – mit Panzern und in Wattnejacken – hätte das Land für unendlich lange Zeit existieren können. Hunger ist auch für das sowjetische Volk ein relativer Begriff, sie hätten lange Zeit überleben können. In den 30er- und 40er-Jahren war das Leben unermesslich schlechter, wenn man es überhaupt vergleichen kann, aber nichts bedrohte die Existenz des Regimes. Dennoch war es Gorbatschow, der die UdSSR zu Fall brachte, Gott sei Dank. Zusammen mit dem sozialistischen Lager und der KPdSU. Um genau zu sein, hat er zuerst die KPdSU begraben, dann das sozialistische Lager und schließlich die UdSSR zum Einsturz gebracht. Еr hat auch nichts tun können, und heute wäre er Generalsekretär. Ein großer Mann.

Wir danken Ihnen, Michail Sergejewitsch!

Illustrationen:
Cover: „Deutschland wird ein Land.“ 3. Oktober 1990, die Deutsche Demokratische Republik wird ein Teil der Bundesrepublik Deutschland. Die Nachricht auf der Mauer: „Danke, Gorbi.“ / 3 October 1990. RIA Novosti archive, image #428452 / Boris Babanov / CC-BY-SA 3.0
Im Text: “Mikhail Gorbachev”. General Secretary of the CPSU Central Committee Mikhail Gorbachev speaking at a news conference after a Soviet-American summit in Reykjavik, Iceland, in 1986, RIA Novosti archive, image #359290 / Yuryi Abramochkin / CC-BY-SA 3.0

Warum Daria Dugina?

Über kein Verbrechen des russischen Staates in der Ukraine wurde von so vielen Experten, Politikern und Denkern auch nur im Entferntesten gesprochen wie über die Ermordung von Daria Dugina, über die immer noch gesprochen wird. Und warum? Und was ist der Zweck dieses besonderen terroristischen Anschlags?

Der Zweck des Terroranschlags ist es, alle einzuschüchtern, indem einige wenige getötet werden.

Aber Einschüchterung hat viele Gesichter.

Zum Beispiel hat fast jeder innerhalb und außerhalb der Russischen Föderation eine Riesenangst vor Putin. Ihnen wurde beigebracht, Angst zu haben. Aber wovor genau haben die Menschen Angst? Folter in Gefängnissen, Verbrechen gegen das Eigentum, die niemand untersuchen will, Willkür in SISOs und Gefängnissen. 

Aber jetzt, nach sechs Monaten Krieg, ist diese Angst innerhalb der Russischen Föderation gering. Die Angst vor Putin lähmt und mobilisiert kaum für den Krieg, denn in der Russischen Föderation wird fast nichts über den Krieg berichtet.

Es hat sich herausgestellt, dass Hass und Angst die Ukrainer mobilisieren, aber die Russen dagegen nicht inspirieren.

 

Wenn Hercule Poirot oder Sherlock Holmes, Pater Brown oder Miss Marple den Mord an Daria Dugin untersuchen würden, würden sie sich alle daran erinnern, wie Dugin kurz vor den Bombenangriffen auf die Häuser in Moskau und Wolgodonsk sagte, dass die einzige Möglichkeit, die Russen gegen Tschetschenien zu mobilisieren, die tatsächliche Erfahrung der Zerstörung ihrer Häuser und des Verlusts ihrer Menschen sei und nicht die Tatsache, dass Soldaten irgendwo weit weg kämpfen.

Deshalb brauchte das hirnlose Regime eine neue Quelle der Angst – den gewaltigen ukrainischen Untergrund.

Das ursprüngliche Ziel wurde erreicht: Über kein Verbrechen des russischen Staates in der Ukraine haben so viele Experten, Politiker und Denker auch nur im Geringsten gesprochen wie über den Mord an Darya Dugina. Jeder Russe denkt jetzt nicht nur über diesen Terrorakt nach, sondern auch über sich selbst: „Meine Güte, vielleicht sind die Ukrainer wirklich so unglaubliche Schurken! Wer wird uns beschützen, wenn wir uns nicht zusammenschließen und uns wirklich mobilisieren?“ 

Daher kommt auch die extreme Einfachheit der FSB-Version des Terroranschlags. Wie im Fall der „tschetschenischen Terroristen“ wird auch hier der Terrorakt der Mutter mit einem Kind zugeschrieben.

Die Formel für Effektivität ist also einfach.

Neben der lähmenden Angst vor Putin und seiner Bande muss die Bevölkerung auch eine mobilisierende Angst vor den furchterregenden Ukrainern haben.

Während der Tschetschenienkriege hatten die Russen Angst vor „weißen Strumpfhosen“ – imaginären Scharfschützen aus den baltischen Staaten, die angeblich versuchten, den tschetschenischen Separatisten zu helfen.

Dann waren da noch die „schwarzen Witwen“ – tschetschenische Frauen, die ihre Männer verloren hatten und angeblich schworen, sich an den Russen zu rächen. 

Jetzt werden die Russen aufgefordert, sich vor “ unheimlichen Ukrainern “ und sogar vor „unheimlichen Ukrainerinnen“ zu fürchten. In den letzten Jahrzehnten hat die russische Sprache die Worte „ozverit'“ und „vyzverit'“ [entmenschlichen]. Die Spezialoperation zur Tötung von Daria Dugina erfüllt genau diese Aufgabe. Nach den akuten emotionalen Reaktionen zu urteilen, haben die russischen Spezialdienste diese Aufgabe bislang bestens gemeistert.

Illustration: Bestattung von Daria Dugina: Screenshot von Video, kp.ru

UMFRAGE: Visa-Verbot für Russen?

UMFRAGE: Visa-Verbot für Russen?

Wegen des Kriegs in der Ukraine fordert Präsident Selenskyj, allen Russen die Einreise in westliche Länder zu verbieten: „Die wichtigsten Sanktionen sind Grenzschließungen, weil die Russen Land wegnehmen, das jemanden anderem gehört. Deshalb müssen sie in ihrer eigenen Welt leben, bis sie ihre Philosophie ändern.“

Einige EU-Länder haben schon die Visa-Erteilung für Russen eingeschränkt oder eingestellt. Sollte Deutschland mitmachen?

Selenskyj: „Die wichtigsten Sanktionen sind es, die Grenzen zu schließen“

Washington/Kiew (dpa) – Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert einen internationalen Reisebann für alle Russen, um Moskau von einer Annexion besetzter Gebiete abzuhalten. «Die wichtigsten Sanktionen sind es, die Grenzen zu schließen, denn die Russen nehmen anderen ihr Land weg», sagte er der US-Zeitung «Washington Post» in einem Interview vom Montag. Die Russen sollten «in ihrer eigenen Welt leben, bis sie ihre Philosophie ändern».

Im russisch besetzten Teil des südukrainischen Gebiets Saporischschja wurde am Montag ein Referendum über einen Beitritt zur Russischen Förderation angekündigt. Ähnliche Pläne gibt es für das besetzte Gebiet Cherson.

Selenskyjs Äußerungen stoßen auch auf eine wachsende Diskussion in der EU, die Erteilung von Touristenvisa an Russen zu erschweren oder ganz einzustellen. Auch wenn der Reiseverkehr durch gekappte Flug- und Bahnverbindungen erschwert ist, sind doch im Sommer viele Russen trotz Krieges in die EU gereist. Russlands Nachbar Lettland im Baltikum hat bereits die Visa-Bestimmungen verschärft. Finnland erwägt dies, fordert aber eine Lösung für den ganzen Schengen-Raum.

Nach Russlands Krieg gegen die Ukraine sollte es weder einen schwelenden noch einen eingefrorenen Konflikt geben, sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache. «Die Ukraine muss alles zurückbekommen, was Russland vorübergehend besetzt hat.» Nur eine offensichtliche Niederlage des Angreifers sei ein Schutz vor einem weiteren Krieg, sagte der ukrainische Präsident in Kiew.

Cover-Illustration: Telegram von Selenskyj

Lagodinsky für Netschrft

Sergey LAGODINSKY: Das ist eine Konfrontation mit unseren westlichen Werten

Sergey LAGODINSKY
Deutscher Politiker (Bündnis 90/Die Grünen), Rechtsanwalt und Publizist
Seit 2019 ist er Mitglied des Europäischen Parlaments als Teil der Fraktion Die Grünen/EFA

1. Ist der Krieg in der Ukraine für uns hier in Deutschland unser Krieg oder doch nicht?

2. Kann man Russland und die russische Kultur trennen? Wie soll man jetzt mit dem Thema umgehen?

UMFRAGE: Sanktionen gegen Russland

Schauen Sie sich unsere Umfrage an: was halten Berliner von den Sanktionen gegen Russland?

Nach der Invasion in die Ukraine, wurden gegen Russland so viele Sanktionen eingeführt wie noch nie zuvor. Einschränkungen werden immer härter – letztens haben schon zum siebten Mal neue Strafmaßnahmen der EU in Kraft getreten. Leider werden die Einwohner Deutschlands auch langsam von der jetzigen Situation betroffen – die schnell steigenden Preise und das Energiedefizit machen sich bemerkbar.

Wir haben versucht herauszufinden, was man in Berlin über Sanktionen und deren Effizienz denkt, und ob die Berliner persönlich sich von den Folgen der Sanktionen gerührt fühlen.

Antworten auf die Fragen finden sie in unserem Video.

Und was denken sie darüber? Werden die Sanktionen irgendetwas verändern? Wurden sie von den Sanktionen betroffen? Teilen Sie Ihre Gedanken mit uns in den Kommentaren!

SERBIA KOSOVO / Rongvold

Weshalb die Serben Putin so lieben und was der Jugoslawien Krieg damit zu tun hat

Im überwiegend serbisch bevölkerten Norden des Kosovos haben militante Serben am Sonntag Barrikaden errichtet. Unbekannte hätten außerdem Schüsse in Richtung kosovarischer Polizisten abgegeben, verletzt worden sei dabei niemand, teilte die Polizei in Pristina am späten Sonntagabend mit. Die Sicherheitslage im Norden des Kosovos sei angespannt, teilte die Nato-Mission KFOR am Abend mit. Sie beobachte die Situation genau und sei gemäß ihrem Mandat «bereit, einzugreifen, sollte die Stabilität gefährdet sein.» Die Nato-geführte Mission konzentriere sich jeden Tag darauf, ein sicheres Umfeld und Bewegungsfreiheit für alle Menschen im Kosovo zu garantieren.

Zu den Spannungen kam es, weil die kosovarischen Behörden ab Montag (00.00 Uhr) an den Grenzübergängen keine serbischen Personaldokumente mehr anerkennen. Serben mit derartigen Papieren müssen sich an der Grenze ein provisorisches Dokument ausstellen lassen.

Nach kosovarischer Lesart handelt es sich um eine Maßnahme, die auf Gegenseitigkeit beruht. Kosovarische Bürger müssen sich schon seit längerer Zeit beim Grenzübertritt nach Serbien ein provisorisches Dokument ausstellen lassen, weil die serbischen Behörden die kosovarischen Papiere nicht anerkennen.

Militante Serben blockierten am Sonntag die Zufahrtswege zu zwei Grenzübergängen nach Serbien mit Barrikaden. Das heute fast ausschließlich von Albanern bewohnte Kosovo hatte früher zu Serbien gehört. 2008 hatte es sich für unabhängig erklärt. Serbien erkennt die Eigenstaatlichkeit des Kosovos nicht an und beansprucht dessen Staatsgebiet für sich. Im Rahmen der internationalen Mission ist auch die Bundeswehr seit 1999 im Kosovo stationiert.


Unsere Expertin Tatiana Rybakova zum Thema Serbien/Kosovo

Weshalb die Serben Putin so lieben und was der Jugoslawien Krieg damit zu tun hat

80%?

Serbien unterstützte die westlichen Sanktionen gegen Russland nicht (obwohl es die Invasion der Ukraine verurteilte), verhängte nur lächerliche Sanktionen gegen den ehemaligen ukrainischen Präsidenten Janukowitsch, widersetzte sich lange Zeit der Reduzierung der Flüge von Moskau nach Belgrad, es gibt Kundgebungen und Motorradrennen zur Unterstützung von Putin.

Pro-Ukraine-Kundgebungen sind selten, und ein offener Brief gegen den Krieg, den oppositionelle Russen in Serbien geschrieben haben, hat nicht nur bei Putin-freundlichen Mitgliedern der russischen Diaspora, sondern auch bei einem Teil der serbischen Öffentlichkeit Empörung ausgelöst. Der serbische Präsident Aleksandar Vucic gibt offen zu, dass 80 % der serbischen Medien auf der Seite Russlands stehen. Und die Medien bringen das, was ihre Leser sehen wollen.

Warum stehen die Serben, die sich noch an die Bombardierung Jugoslawiens durch die Nato-Streitkräfte erinnern, heute nicht auf der Seite derer, die sich vor russischen Bomben verstecken? Erstens ist die Liebe der Serben zu Russland historisch bedingt. Während des gesamten 19. Jahrhunderts unterstützte Russland ihren Unabhängigkeitskampf gegen das Osmanische Reich und gegen Österreich-Ungarn. Auch im Ersten Weltkrieg mischte sich das Russische Reich ein, um Serbien zu schützen. Das wird erinnert und geschätzt.

Kosovska,Mitrovica, 2011 Serbia

Illustration: KOSOVSKA MITROVICA, SERBIA – CIRCA SEPTEMBER 2011, bibiphoto / shutterstock.com

Noch mehr wissen die Serben zu schätzen, dass Russland als Mitglied des UN-Sicherheitsrates sein Veto gegen die Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo eingelegt hat. Den Serben zufolge kann nur Russland ihnen helfen, diese Region zurückzugewinnen. Und von diesem Standpunkt aus wird Putins Entschlossenheit, die Krim und einen Teil der Ukraine zu erobern, durch das Prisma seiner eigenen Interessen betrachtet: Wenn es Putin gelingt, mit der Ukraine fertig zu werden, dann wird er uns helfen. Keine sehr logische Annahme, aber es gibt einen Grund, warum die Serben an dieser illusorischen Hoffnung festhalten.

Denn wenn es über Putins Russland noch geteilte Meinungen gibt, so wird der Slogan „Kosovo ist Serbien“ nahezu von allen Serben bedingungslos unterstützt. Schließlich ist der Kosovo aufgrund der UN-Resolution 1244 eigentlich Serbien. Der rechtliche Status der Region sollte später festgelegt werden, was bisher nicht geschehen ist. Einer der Gründe ist, dass Russland auf dem Weg ist, die Unabhängigkeit des Kosovo anzuerkennen.

Als Mitglied des UN-Sicherheitsrates hat es ein Vetorecht gegen eine solche Entscheidung. Dies ist der Hauptgrund, warum weder die serbischen Behörden noch das serbische Volk bereit sind, die freundschaftlichen Beziehungen zu Russland abzubrechen, egal wer es regiert und was es tut. Wie die Serben scherzen: „Selbst wenn Putin Belgrad bombardiert, werden die Serben immer noch nicht aufhören, Russland zu lieben.“

Die Frage um den Kosovo

Aber warum ist der Verlust des Kosovo für Serbien so schmerzhaft? Warum hat sogar Vučićs Idee, zwei überwiegend von Albanern besiedelte Regionen Serbiens, Preševo ​​und Bujanovac, gegen die serbische Region Kosovska Mitrovica auszutauschen, die Öffentlichkeit des Landes verärgert? Übrigens hat sich auch die damalige deutsche Ministerpräsidentin Angela Merkel gegen diesen Plan ausgesprochen.

Tatsache ist, dass der Kosovo nicht nur ein Territorium Serbiens war, noch bevor es mit Kroatien und Bosnien zu Jugoslawien vereinigt wurde (nach dem Ersten Weltkrieg ein Königreich, nach dem Zweiten Weltkrieg eine sozialistische föderative Republik).

Der Kosovo und die Raska-Region in Serbien wurden im Mittelalter zu den ersten Territorien des unabhängigen Staates Serbien, im Kosovo, auf dem Kosovo-Feld, fanden die historischen Schlachten der Serben um die Unabhängigkeit des Landes statt : 1389 – gegen das nach Europa vordringende Osmanische Reich, 1448 – ebenfalls gegen das Osmanische Reich zusammen mit den europäischen Kreuzzügen, 1689 – als die Armeen des österreichischen und des osmanischen Reiches hier zusammentrafen, wo die Serben zusammen mit den Österreichern und Ungarn gegen die türkische Armee kämpften.

Die kosovarische Stadt Pec war der Sitz der serbischen Kirchenverwaltung, die über Jahrhunderte sowohl das spirituelle als auch das pädagogische Zentrum der serbischen Identität war. Deshalb ist für die Serben die Frage der Zugehörigkeit zum Kosovo eine Frage der Wahrung der Würde und der Erinnerung an ihre Vorfahren, eine Frage des Selbstbewusstseins und der nationalen Identität. 

Und Russland, das nicht anerkennen lässt, dass Kosovo nicht Serbien ist, ist in den Augen Serbiens der einzige Verteidiger ihres Verlustes.

Darüber hinaus sind sich die Serben sicher, dass Sanktionen, Verurteilungen und Gebietsentzug während des Krieges in Jugoslawien nur Serbien getroffen haben. 

Alle anderen Konfliktteilnehmer wurden als Opfer bezeichnet und offiziell anerkannt. Schließlich habe es auf beiden Seiten Verbrechen gegen Zivilisten gegeben, wie man später feststellte. Zwar gehören Kosovo-Albaner und bosnische Muslime zu den verurteilten Kriegsverbrechern, doch sieht die westliche Öffentlichkeit Serbien oft als alleinigen Schuldigen in dem Konflikt. 

Daher hat Serbien auf dem UN-Treffen keine Sanktionen gegen Russland unterstützt: Sie erinnern sich hier daran, dass Sanktionen einst nur gegen Serbien und Montenegro verhängt wurden. Außerdem wurden die Sanktionen gegen Montenegro aufgehoben, als es 2006 das Bündnis mit Serbien auflöste.

„Russland handelt wie die NATO“

Doch die Traumata, die immer noch die Wahrnehmung Russlands durch die Serben beeinträchtigen, arbeiten nun gegen Putins Politik. Das Trauma des Verlustes des Kosovo hat Serbien nun veranlasst, sich der UN-Resolution anzuschließen, die die Aggression in der Ukraine verurteilt.

„Wenn Vučić die Unabhängigkeit des Donbass anerkennt, muss er die Unabhängigkeit des Kosovo anerkennen“, erklärte der kroatische Präsident Zoran Milanovic.

Ein weiteres historisches Ereignis beeinflusst jetzt die Köpfe der Serben – die Bombardierung Jugoslawiens durch NATO-Streitkräfte im Jahr 1999. In Belgrad erinnert noch heute das durch die Bombe zerstörte Gebäude des Generalstabs an dieses Ereignis.

In der Stadt Nis zeigt Ihnen jeder ein Denkmal an der Stelle, an der die Bombe auf den Markt fiel und mehrere Menschen tötete, darunter ein kleines Mädchen. Jeder Serbe, der damals lebte, erinnert sich an Sirenengeheul und Angst, Luftschutzbunker und Menschen, die auf den Brücken in Belgrad und Novi Sad standen, um zu verhindern, dass die Brücken bombardiert wurden. Nur eine Bombe fiel auf Montenegro, aber ein Mädchen wurde in einem Bergdorf dadurch getötet – auch daran wird erinnert.

Bislang stieß Putins Rhetorik, Russland befinde sich jetzt nicht im Krieg mit der Ukraine, sondern mit der Nato, auf warme Zustimmung der Serben, die immer noch von den Bombenanschlägen des Bündnisses traumatisiert seien. Jetzt jedoch, da die schrecklichen Aufnahmen von russischen Bomben und Raketen, die Charkiw, Melitopol, Sumy und Kiew verwüsten, auftauchen, schleichen sich Zweifel in die Köpfe vieler Serben ein. „Ich liebe Russland, Russland schützt uns vor der NATO. Aber warum verhält sich Russland in der Ukraine jetzt wie die NATO in Jugoslawien?“, fragte mich neulich ein Serbe.

Diese Frage stellen sich nun immer mehr Menschen im ehemaligen Jugoslawien. Die Erkenntnis, dass Putin der Ukraine jetzt das antut, was die Serben glauben, dass die Nato ihnen vor zwanzig Jahren angetan hat, könnte sowohl die öffentliche Meinung als auch die Politik des Landes verändern.

Dies erfordert jedoch ein offenes Gespräch darüber, was vor zwanzig Jahren in Jugoslawien passiert ist: über die Schuld der einzelnen Konfliktparteien, über die tatsächliche Notwendigkeit von Bombenangriffen und über ihre Opfer unter der Zivilbevölkerung.

Über den Status des Kosovo, wo es unmöglich ist, Albanern oder Serben das Recht auf Leben abzusprechen. Wenn Serbien spürt, dass sein Schmerz, der in den letzten zwanzig Jahren nicht nachgelassen hat, zumindest verstanden wird, wenn es den aufrichtigen Wunsch Europas und der Vereinigten Staaten sieht, die tragische Geschichte des Jugoslawienkonflikts zu beenden, kann dies die Stimmung in der Gesellschaft sehr schnell ändern. Politischer Druck kann das nicht, die Serben sind Widerstand gewohnt. Nur ehrlicher Dialog auf Augenhöhe kann etwas bewirken.

Cover-Illustration: Rongvold

Umfrage Atomkrieg 21.07.22

UMFRAGE: Haben Sie Angst vor einem Atomkrieg?

Unsere Umfrage (21.07.2022): Glauben Sie an den Einsatz von Atomwaffen? Haben Sie Angst vor einem Atomkrieg?

Schreiben Sie uns, was Sie über die Möglichkeit des Einsatzes von Atomwaffen denken, besteht eine Gefahr? Glauben Sie, dass sie echt ist? Sind Sie persönlich über einen Atomschlag besorgt? Oder haben Sie bereits einen kleinen Bunker für Ihre Familie gekauft und haben keine Angst?

Rubljows Dreifaltigkeitsikone

Die Story der Wanderung von Rubljows Dreifaltigkeitsikone. Was ist daran falsch?

Die berühmte Dreifaltigkeitsikone von Andrei Rubljow wurde in ein Kloster gebracht. Warum so viele empörte Stimmen? Was ist daran falsch?

Die Dreifaltigkeitsikone von Andrei Rubljow, die normalerweise in der Tretjakow-Galerie aufbewahrt wird, wurde für zwei Tage in das Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad gebracht. Der offizielle Anlass war der 600. Jahrestag der Entdeckung der Reliquien des Heiligen Sergius von Radonezh, dem Gründer des Klosters. Die Ikone wurde nachts herausgenommen. Die Konservatoren und die wissenschaftliche Gemeinschaft waren dagegen. In der Nacht des 17. Juli wurde bekannt gegeben, dass sich die Ikone im Kloster befand, und am 19. Juli wurde sie an das Museum zurückgegeben. Es wird nun auf Schäden untersucht.

Mehrere Experten helfen uns dabei, den Fall zu klären.


Ksenia Luchenko (Journalistin, bis Sommer 2022 Dekanin der Abteilung für Medienkommunikation an der Moskauer Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (MSSES) und Leiterin der Abteilung für Theorie und Praxis der Medienkommunikation am Institut für Sozialwissenschaften der Russischen Akademie der Sozialwissenschaften, Berlin):

Die Dreifaltigkeitsikone von Andrei Rubljow ist nicht nur ein von den Gläubigen hoch verehrtes altes Ikonenbild, sondern auch eines der Symbole der russischen Kultur, das als Ausdruck des idealen „Russentums“ im Allgemeinen gilt. Unter der sowjetischen Herrschaft war Rubljows Ikone, die seit 1929 in der Tretjakow-Galerie aufbewahrt wurde, viele Jahre lang ein Fenster in die verbotene Welt der russischen religiösen Tradition, da es keine zugänglichen Texte gab. 

Die Ikone wurde vermutlich von Andrej Rubljow in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts gemalt und verbrachte die meiste Zeit ihres „Lebens“ in der Dreifaltigkeits-Sergius-Lawra (Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad, auch Lawra genannt), dem wichtigsten russischen Kloster, wo sie mehrmals restauriert und fast vollständig mit einem kostbaren Goldrahmen überzogen wurde. Das Bild wurde erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts freigelegt und abgeräumt, als Kunsthistoriker den Wert der russischen traditionellen Ikonenmalerei entdeckten. In all den Jahren der Sowjetmacht und bis zum heutigen Tag wurde die Ikone in der Tretjakow-Galerie aufbewahrt. Restauratoren und Kunsthistorikern ist es zu verdanken, dass die Dreifaltigkeitsikone ihr ursprüngliches Aussehen wiedererlangt hat.

Die Kirche hatte schon vor langer Zeit darum gebeten, dass ihr die Ikone übergeben wird, damit die Menschen unter den für Ikonen natürlichen Bedingungen zu ihr beten können – in einer Kirche und notwendigerweise in ihrer Geburtskirche in der Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad.

Die Kunsthistoriker lehnten jedoch alle Versuche, die Dreifaltigkeitsikone aus dem Museum zu entfernen, rigoros ab, da sie dadurch irreparablen Schaden erleiden könnte. Es sind mehrere Fälle bekannt, in denen die russisch-orthodoxen Kirche Museumsikonen an sich gerissen hat und die Menschen den Zugang zu ihnen verloren haben (zum Beispiel befand sich die alte Toropets-Ikone aus der Sammlung des Russischen Museums in St. Petersburg viele Jahre lang in einer Kirche in einer privaten Hausgemeinschaft nahe Moskau. Sie wird in einer speziellen klimatischen Kiste aufbewahrt, die alle klimatischen Anforderungen erfüllt und horizontal „liegend“ in einem gläsernen Sarkophag installiert ist, aber nur sehr wenige Menschen können diese neue Kirche besuchen),  und teilweise nahezu zerstört wurden (dies geschah mit der Ikone von Bogoljubsk aus dem 12. Jahrhundert, die in das Knjaginin-Kloster gebracht wurde und deren Aufbewahrungsbedingungen in der Vitrine nicht eingehalten wurden, wodurch die Ikone von Pilzen befallen wurde).

Für die Dreifaltigkeitsikone wurde ein Kompromiss gefunden: Wenn es so wichtig ist, dass die Gläubigen vor der Originalikone beten können, verfügt die Tretjakow-Galerie über eine Kirche, in die die alten Ikonen unter Einhaltung aller Lagerungsbedingungen und unter Beachtung aller Vorsichtsmaßnahmen gebracht werden können. Seit 1997 wurde die Ikone einmal im Jahr, am Fest der Heiligen Dreifaltigkeit, in den Schrein gebracht und eine Liturgie in ihrer Gegenwart gefeiert. 

Im Juli 2022 wurde die Dreifaltigkeit von Andrej Rubljow trotz des heftigen Widerstands von Kunsthistorikern für die zweitägigen Feierlichkeiten zum 600. Jahrestag der Reliquien des Klostergründers und verehrtesten russischen Heiligen, Sergius von Radonesch, von Moskau in die Lawra übertragen. Das Dokument, das vom stellvertretenden Kulturminister Sergei Obryvalin unterzeichnet wurde, besagt, dass die Ikone „ausnahmsweise“ freigegeben werden darf.

Die Ikone ist nun in das Museum zurückgekehrt und die Kuratoren müssen beurteilen, ob sie den Transport überlebt hat oder nicht. In jedem Fall wird die Ikone sechs Monate lang unter Aufsicht stehen und während dieser Zeit werden die Besucher der Tretjakow-Galerie keine Gelegenheit haben, sie zu sehen.

Was für eine „Ausnahme“ war das eigentlich?

Als die Russisch-Orthodoxe Kirche vor 14 Jahren zum ersten Mal versuchte, die Ikone in die Lawra zu bringen, ging es um eine rein kirchliche Angelegenheit: Im Patriarchat von Alexis II. ging es um die Wiederbelebung der Kirche, um den Versuch, die von der sowjetischen Herrschaft befreite Russische Orthodoxe Kirche in die Rolle zurückzuführen, die sie im Russischen Reich gespielt hatte, und um romantische Träume von der Rückkehr zu den Idealen des Heiligen Russlands, die manchmal komische Formen annahmen. Die Überführung der „Dreifaltigkeitsikone“ in die Dreifaltigkeitskathedrale der Dreifaltigkeits-St. Sergius-Lawra hätte quasi dann ihre „Heimkehr“ bedeuten, die Wiederherstellung der Gerechtigkeit, den Triumph der Orthodoxie nach vielen Jahren der Unterdrückung. Es schien, dass die Frage der Rückgabe der alten Ikone an die Lawra nach einer hitzigen Debatte im Jahr 2008 für immer abgeschlossen war: Das Risiko sie zu zerstören überzeugte sowohl die Beamten als auch den Patriarchen Alexis (wer wollte schon als Mörder des wichtigsten Bildes der russischen Kultur in die Geschichte eingehen?)

 Aber jetzt, in den 13 Jahren des Patriarchats von Kirill, hat sich der Kontext völlig verändert. Heute ist die Übergabe der Ikone an die Lawra eine politische Geste, ein magisches Ritual im Dienste der Behörden. Die Behörden haben die Kunsthistoriker faktisch gezwungen, die Ikone aufzugeben und damit bewiesen, dass ihnen die Solidarität der Fachwelt nichts bedeutet. Die russisch-orthodoxe Kirche verfügt nicht über die Mittel, um Druck auf das Kulturministerium auszuüben. Sie hat horizontale Beziehungen zu ihm, und der Druck kam von ‚höherer Stelle‘, höchstwahrscheinlich von der Präsidialverwaltung oder auf informelle Weise direkt vom Kreml.

Dies ist eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung – mystische Unterstützung für den Krieg. Es gibt eine Legende, nach der Josef Stalin während des Zweiten Weltkriegs ein Flugzeug mit der Gottesmutter von Kasan über Moskau fliegen ließ, was die Hauptstadt angeblich vor der Kapitulation vor Hitlers Armee bewahrte. Die derzeitigen russischen Behörden handeln nach der gleichen Logik, und Gerüchte über Aberglauben und mystische, heidnische Einstellungen in Russland sind wahrscheinlich nicht stark übertrieben.

Patriarch Kirill hielt am 18. Juli vor dem Pfingstfest gehorsam seine neueste militaristische antiwestliche Predigt: „Russland ist heute ein mächtiger Staat, und es ist unwahrscheinlich, dass jemand versuchen wird, uns mit Waffengewalt unserer Freiheit und Unabhängigkeit zu berauben.  […] Wir wissen, dass heute viele Kräfte daran arbeiten, unser Volk und unser Land auf diese Weise zu beeinflussen. Und warum? Weil wir weiterhin anders sind. Im ‚aufgeklärten‘ Europa ist der Glaube an Gott verbannt, gebildete Menschen schämen sich, zuzugeben, dass sie gläubig sind, und das ist eine Tatsache. Aber in unserem Land, das Jahre der Gottlosigkeit und Verfolgung hinter sich hat, wird der Glaube an Christus in den Menschen gestärkt.“

Diese ganze Geschichte hat wieder einmal gezeigt, dass die Orthodoxie in Putins Russland zu einem Designprodukt geworden ist, einer traditionellen Art von Verpackung, die einen heidnischen, magischen Inhalt umhüllt, der von den Silowiki gefordert wird.


Sergey Ivanov (Historiker, Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung, Mitglied der Britischen Akademie der Wissenschaften, München):

Russland ist schon seit hundert Jahren ein säkularer Staat. Anstelle der Religion hat die kommunistische Regierung die Kultur auf ein Podest gestellt und sie zu einem universellen Erbe erklärt.

Diese Fetischisierung der Kultur hat es übrigens ermöglicht, viele Werke der religiösen Kunst zu schützen. Am meisten profitierte davon Rubljows Ikone, die sowjetische Restauratoren der Welt in ihrer jetzigen glorreichen Form präsentierten.

Das Putin-Regime flirtet schon lange mit der Kirche. Nicht ohne Grund bezog sich der Bericht der Staatsanwaltschaft zum Fall Pussy Riot auf den 692. Kanon der Trullanischen Synode. Allerdings hat das Regime auch nicht verkündet, dass es die säkularen Grundlagen der Staatlichkeit ablehnt, vor allem, weil es überhaupt kein Interesse an der Entstehung alternativer Legitimationszentren hat.

Die derzeitige Entscheidung, die unglaublich zerbrechliche und verletzliche Ikone in eine Kirche zu bringen, in der es unmöglich ist, die erforderliche Temperatur- und Feuchtigkeitskontrolle aufrechtzuerhalten, ist eindeutig politischer Natur; sie zielt darauf ab, die „orthodoxe“ Wählerschaft zu mobilisieren, um den Krieg gegen die Ukraine zu unterstützen. Staatliche Beamte, die direktiv über Fragen der „Heiligkeit“ und „Ehrfurcht“ entscheiden, sind ein schrecklicher Missbrauch des Konzepts eines säkularen Staates und Beweis für einen wachsenden Obskurantismus.


Tata Gutmacher (Kunsthistorikerin, Berlin):

Deutschland wartet darauf, dass Russland nach den Wartungsarbeiten das Gas wieder einschaltet, in Russland muss abgewartet werden, ob die Rubljowskaja-Trinität an die Tretjakow-Galerie zurückgegeben wird. (Spoiler-Alarm: Es wurde zurückgegeben. Ein weiterer Spoiler: die Ikone wird nun einer langen Inspektion unterzogen, die der Erhaltung des Werkes dient).

Nicht De- sondern Rekolonialisierung

In einer Zeit, in der sich europäische Forscher mit der Dekolonisierung von Museumssammlungen befassen, d.h. sie versuchen zu erklären, wo und unter welchen Bedingungen ein Kulturdenkmal in die Sammlung gelangt ist, versucht auch die Russische Föderation auf ihre Weise, Museumsdenkmäler in ihre ursprüngliche Umgebung zurückzuführen.

Der nächste Schritt erfordert äußerste Sorgfalt.

Ist die Rückkehr einer Ikone in den Schoß der Kirche nicht wunderbar? Es ist so, als ob sie dem, worauf sich die europäischen Museen nicht einigen können, sogar einen Schritt voraus ist. Das heißt, auf den ersten Blick scheint die ganze Aktion ein angenehmes Detail vor dem Hintergrund des ganzen anderen Ausschlachtens in der Russischen Föderation zu sein. Wir sehen die Rückkehr eines Kulturdenkmals in seinen ursprünglichen kulturellen Kontext, wenn auch nur für eine gewisse Zeit.

Was ist hier falsch?

Zwei Fragen helfen uns weiter.

Frage eins. Ist dies eine Rückkehr?

Der Hinweis ist die Restitution

Hinweis. Die Restitution, d.h. die Rückgabe der Beute im „befreiten“ Europa, die im postsowjetischen Russland begann, wurde nie wirklich abgeschlossen. In der neurussischen Zivilisation wird eine solche Restitution innerhalb des Staates jedoch zunehmend möglich. Aber diese Rückgabe von Eigentum, das der Kirche entzogen wurde, an die Kirche bedeutet nicht, dass die Dinge vom Staat auf die Kirche übertragen werden. Der Punkt ist ein anderer, die Kirche – und das wird jetzt deutlicher – ist endgültig Teil des Staates geworden. Man kann das Thema Säkularisierung vergessen.

Achtung, hier ist die Antwort. – Nein, es handelt sich nicht um eine Rückgabe. Nach dem Kriegsrecht liegt die gesamte Macht beim Oberbefehlshaber. Es ist nicht mehr Sache der Museumsberater oder des Kulturministeriums, darüber zu entscheiden. 

Frage zwei. Warum gerade jetzt? Denn jetzt braucht die Russische Föderation zusätzliche Energiequellen.

Die Aktion mit der Ikone der „Dreifaltigkeit“ ist die Antwort auf den Streit über die russische Kultur und warum es eventuell notwendig ist, sie zu canceln. Diese Aktion, die Ikone aus dem musealen Kontext zu verbannen und sie wieder in einen religiösen Rahmen zu stellen, zeigt, dass die Ikone für das russische Regime so etwas wie eine Waffe mit doppeltem Verwendungszweck ist. Sie ist zugleich ein Kulturgut und eine mystische Waffe, die dazu beitragen soll, das Kriegsgeschehen (und damit auch die ganze Geschichte) zu seinen Gunsten zu wenden.


Grigorij Michnov-Vajtenko (Bischof der Apostolischen Orthodoxen Kirche, Menschenrechtler, Preisträger des Helsinki Group Award, Sankt-Petersburg):

Die heutige Aktion mit der Dreifaltigkeitsikone ist das deutlichste und traurigste Beispiel für ein triumphierendes magisches Bewusstsein. Es sei daran erinnert, dass das Dogma der Bilderverehrung von der Anbetung des Urbildes spricht. So wird der Welt die Dreifaltigkeit durch die spirituelle Vision von Rubljows Genie einmal offenbart. Jetzt existiert es, und jede seiner Kopien (oder sogar die Fotokopie) sind in christlicher Hinsicht gleichwertig. Das bedeutet, dass jede Kopie dieser Ikone verehrt werden kann.

Die Verehrung eines historischen Artefakts, eines Kunstwerks ist eher ein materielles als ein spirituelles Phänomen. Und hier unterscheidet sich die Mauser von Dzerzhinsky nicht von einer Stradivari-Geige. Es hat einfach nichts mit Glauben zu tun. 

Das ist der Fall…


Slava Shvets (Kunstwissenschaftlerin mit Spezialisierung auf das kulturelle Erbe der katholischen Kirche, Absolventin der Päpstlichen Universität Gregoriana, Rom):

Die Verlegung der Dreifaltigkeitsikone aus dem Museum in die Kathedrale ist eine Demonstration der Prinzipien der Macht in Russland.

Die Übertragung der sechshundert Jahre alten Ikone, die nicht in perfektem Zustand ist, in einen Gottesdienst ist ein demonstrativer Wandel im Wertesystem. Erstens machen die russischen Behörden deutlich, dass sie das kulturelle Erbe als ihr Eigentum betrachten und darüber verfügen können, wie sie es wollen. Zweitens bedeutet es, dass die Ikone nicht mehr als Teil des historischen Kulturerbes, sondern ausschließlich als Kultobjekt betrachtet wird.

Jeder Christ, der sich an das zweite Gebot erinnert, weiß, dass es für den wahren Glauben keinen Unterschied zwischen der ursprünglichen „Dreifaltigkeitsikone“ und ihrer Kopie gibt. Aber dieser Unterschied besteht im Heidentum, das sehr auf „starke“ und „schwache“ Amulette und Artefakte achtet. Je mehr verschiedene Artefakte Sie besitzen, desto gnädiger sind die Götter. Leider ist Ikone zu einem solchen Artefakt geworden.


Gasan Gusejnov (Sprach- und Kulturwissenschaftler, Brīvā universitāte, Lettland):

Rubljows „Dreifaltigkeitsikone“ zwischen Kirche und Kunstgalerie

Die moderne Russische Föderation ist formell ein säkularer Staat. Die Russische Föderation hat von der UdSSR eine säkulare Einstellung gegenüber Kulturdenkmälern geerbt, aber nicht gegenüber allen. Die aggressive antiklerikale Politik der sowjetischen Behörden wurde durch eine möglichst freundliche Politik gegenüber der russisch-orthodoxen Kirche ersetzt, die innerhalb von dreißig Jahren die meisten Kirchengebäude zurückeroberte. Doch lange Zeit blieben die in den Museen aufbewahrten Werke der religiösen Kunst in erster Linie Kulturgut und erst in zweiter Linie Teil der kirchlichen Tradition.

Die Entscheidung, das vielleicht wichtigste Symbol der russischen Kultur, die Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rubljow, der Kirche zu übergeben, stellt äußerlich einen Meilenstein in der Entsäkularisierung der Kultur dar: Die Ikone kehrt in den Schoß ihrer Kirche zurück. Andererseits ist klar, dass die Ikone als konkretes Kunstwerk, als konkretes Objekt, das von einem konkreten Künstler geschaffen wurde, dadurch bedroht ist. Um die Zerstörung dieser besonderen Ikone zu vermeiden, wurde eine ihrer alten Kopien in der Kirche aufgehängt, die den Kerzenruß auf sich nahm. Natürlich könnte man dagegen einwenden: Was ist mit den Gemälden von Caravaggio, die in Santa Maria del Popolo in Rom hängen? Warum haben die Katholiken in Italien ein Gleichgewicht zwischen Kirche und Kultur gefunden und warum sollte dies den Orthodoxen in Russland verwehrt bleiben?

Aber es gibt noch eine dritte Dimension dieses Ereignisses: Sowohl die Herren des Staates als auch die der russisch-orthodoxen Kirche sahen in der Ikone weder ein großes Kulturdenkmal, das von Zerstörung bedroht war, noch eine religiöse und philosophische Botschaft an die Herde, die aus sechs Jahrhunderten russischer Geschichte stammte. Sie haben das alte Amulett einfach verkostet. Inzwischen wurde das Amulett aus der Kirche entfernt und an die Tretjakow-Galerie zurückgegeben. Aber wer weiß, welche weiteren Ausschweifungen der Entsäkularisierung auf Russland warten?

Illustration: Maria Pokrovskaya

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