Schlagwort: Russisch-orthodoxe Kirche

Neue russische Mythologie

Nach Berichten der russischen Katjuscha-Bewegung wurde am 7. September im Haupttempel der russischen Streitkräfte ein einzigartiges Glasgemälde eingeweiht, das bald an eine Schule in Mariupol übergeben wird. Das Buntglasfenster wurde aus Glasscherben hergestellt, die Aktivistinnen aus Mariupol an den Orten der Kampfhandlungen, die in diesem Frühjahr und Sommer in der Stadt stattfanden, gesammelt hatten. Es zeigt den Mönchskrieger Peresvet, der zur Armee von Dmitry Donskoy zurückkehrt, nachdem er Chelubey auf dem Kulikovo-Feld besiegt hat. Das Bild von Peresvet ist dem Gemälde „Der Sieg von Peresvet“ von Pavel Ryzhenko entnommen.

Bild aus dem Telegrammkanal Soft Power (Mjagkaja sila)

Pavel Ryzhenko (1970-2014) – erhielt den Titel eines Verdienten Künstlers der Russischen Föderation und malte zahlreiche Gemälde, die die russische Militärgeschichte würdigen. Er arbeitete im Grekov Studio der Militärkünstler von M. B. Grekov.

Nachfolgend ein Zitat aus dem Telegrammkanal Soft Power (Mjagkaja sila):

„Heute ist Mariupol unser neues Kulikovo-Feld. Der Ort, von dem aus die erneuerte russische Staatlichkeit begann, die Stadt – Symbol, die Stadt, in der die Wahrheit gesiegt hat. Wie damals, vor mehr als siebenhundert Jahren.

Nach der Einweihung werden wir das Glasfenster nach Mariupol bringen. Wir wollen es einer der Schulen in Mariupol schenken, die von Russland wieder aufgebaut wurde. Vorzugsweise im Geschichtsunterricht. Schließlich leben wir inmitten wahrhaft historischer Ereignisse“.

Bild aus dem Telegrammkanal Soft Power (Mjagkaja sila)

Kommentar der Anthropologin Tatiana Krykhtova:

„Unheimlich. Dieses Glasgemälde wurde in Häusern in Mariupol gesammelt, im Tempel der Armee geweiht und soll einer Schule in Mariupol geschenkt werden. In dem Glasgemälde kehrt der Kriegermönch Peresvet nach seinem Sieg über Chelubei in der Kulikovo-Schlacht zur russischen Armee zurück. Für Peresvet war dieses Duell, wie auch für seinen Rivalen, tödlich; er gilt als Sieger, weil der Tote länger im Sattel blieb. Das heißt, es reitet ein toter Mann auf dem Glasgemälde. Ehrlich gesagt, es hat keinen Sinn, das zu kommentieren“.

Unser Kommentar zu diesem Ereignis

Mit diesem Ereignis haben wir eine weitere Bestätigung dafür erhalten, dass die Religion, zu der sich die offizielle Kirche der Russischen Föderation bekennt, wenig mit dem Christentum zu tun hat, sondern eher ein Kult der toten Vorfahren ist, die im Idealfall Krieger waren.

Ähnlich wie die kurz vor dem Krieg geweihte Kirche sofort als Tempel der Kriegsanbetung erkannt wurde, symbolisieren auch die von der neuen Gemeinde geschaffenen Ikonen vielmehr eine Art ewigen Totenkult als eine Religion des ewigen Lebens. Es ist kein Zufall, dass die Ästhetik der Dekoration dieser Kirche der Ästhetik von Computerspielen sehr nahe kommt und dass dieser „Schrein“, der buchstäblich aus echten, mit Blut bespritzten Kriegsscherben geschaffen wurde, der modernen Mythologie der Massenkultur näher steht, in der Zombies in einem Zustand des ewigen Todes operieren als christliche Heilige, die das ewige Leben verdient haben.

Cover Illustration: Bild aus dem Telegrammkanal Soft Power (Mjagkaja sila)

 

Rubljows Dreifaltigkeitsikone

Die Story der Wanderung von Rubljows Dreifaltigkeitsikone. Was ist daran falsch?

Die berühmte Dreifaltigkeitsikone von Andrei Rubljow wurde in ein Kloster gebracht. Warum so viele empörte Stimmen? Was ist daran falsch?

Die Dreifaltigkeitsikone von Andrei Rubljow, die normalerweise in der Tretjakow-Galerie aufbewahrt wird, wurde für zwei Tage in das Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad gebracht. Der offizielle Anlass war der 600. Jahrestag der Entdeckung der Reliquien des Heiligen Sergius von Radonezh, dem Gründer des Klosters. Die Ikone wurde nachts herausgenommen. Die Konservatoren und die wissenschaftliche Gemeinschaft waren dagegen. In der Nacht des 17. Juli wurde bekannt gegeben, dass sich die Ikone im Kloster befand, und am 19. Juli wurde sie an das Museum zurückgegeben. Es wird nun auf Schäden untersucht.

Mehrere Experten helfen uns dabei, den Fall zu klären.


Ksenia Luchenko (Journalistin, bis Sommer 2022 Dekanin der Abteilung für Medienkommunikation an der Moskauer Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (MSSES) und Leiterin der Abteilung für Theorie und Praxis der Medienkommunikation am Institut für Sozialwissenschaften der Russischen Akademie der Sozialwissenschaften, Berlin):

Die Dreifaltigkeitsikone von Andrei Rubljow ist nicht nur ein von den Gläubigen hoch verehrtes altes Ikonenbild, sondern auch eines der Symbole der russischen Kultur, das als Ausdruck des idealen „Russentums“ im Allgemeinen gilt. Unter der sowjetischen Herrschaft war Rubljows Ikone, die seit 1929 in der Tretjakow-Galerie aufbewahrt wurde, viele Jahre lang ein Fenster in die verbotene Welt der russischen religiösen Tradition, da es keine zugänglichen Texte gab. 

Die Ikone wurde vermutlich von Andrej Rubljow in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts gemalt und verbrachte die meiste Zeit ihres „Lebens“ in der Dreifaltigkeits-Sergius-Lawra (Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad, auch Lawra genannt), dem wichtigsten russischen Kloster, wo sie mehrmals restauriert und fast vollständig mit einem kostbaren Goldrahmen überzogen wurde. Das Bild wurde erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts freigelegt und abgeräumt, als Kunsthistoriker den Wert der russischen traditionellen Ikonenmalerei entdeckten. In all den Jahren der Sowjetmacht und bis zum heutigen Tag wurde die Ikone in der Tretjakow-Galerie aufbewahrt. Restauratoren und Kunsthistorikern ist es zu verdanken, dass die Dreifaltigkeitsikone ihr ursprüngliches Aussehen wiedererlangt hat.

Die Kirche hatte schon vor langer Zeit darum gebeten, dass ihr die Ikone übergeben wird, damit die Menschen unter den für Ikonen natürlichen Bedingungen zu ihr beten können – in einer Kirche und notwendigerweise in ihrer Geburtskirche in der Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad.

Die Kunsthistoriker lehnten jedoch alle Versuche, die Dreifaltigkeitsikone aus dem Museum zu entfernen, rigoros ab, da sie dadurch irreparablen Schaden erleiden könnte. Es sind mehrere Fälle bekannt, in denen die russisch-orthodoxen Kirche Museumsikonen an sich gerissen hat und die Menschen den Zugang zu ihnen verloren haben (zum Beispiel befand sich die alte Toropets-Ikone aus der Sammlung des Russischen Museums in St. Petersburg viele Jahre lang in einer Kirche in einer privaten Hausgemeinschaft nahe Moskau. Sie wird in einer speziellen klimatischen Kiste aufbewahrt, die alle klimatischen Anforderungen erfüllt und horizontal „liegend“ in einem gläsernen Sarkophag installiert ist, aber nur sehr wenige Menschen können diese neue Kirche besuchen),  und teilweise nahezu zerstört wurden (dies geschah mit der Ikone von Bogoljubsk aus dem 12. Jahrhundert, die in das Knjaginin-Kloster gebracht wurde und deren Aufbewahrungsbedingungen in der Vitrine nicht eingehalten wurden, wodurch die Ikone von Pilzen befallen wurde).

Für die Dreifaltigkeitsikone wurde ein Kompromiss gefunden: Wenn es so wichtig ist, dass die Gläubigen vor der Originalikone beten können, verfügt die Tretjakow-Galerie über eine Kirche, in die die alten Ikonen unter Einhaltung aller Lagerungsbedingungen und unter Beachtung aller Vorsichtsmaßnahmen gebracht werden können. Seit 1997 wurde die Ikone einmal im Jahr, am Fest der Heiligen Dreifaltigkeit, in den Schrein gebracht und eine Liturgie in ihrer Gegenwart gefeiert. 

Im Juli 2022 wurde die Dreifaltigkeit von Andrej Rubljow trotz des heftigen Widerstands von Kunsthistorikern für die zweitägigen Feierlichkeiten zum 600. Jahrestag der Reliquien des Klostergründers und verehrtesten russischen Heiligen, Sergius von Radonesch, von Moskau in die Lawra übertragen. Das Dokument, das vom stellvertretenden Kulturminister Sergei Obryvalin unterzeichnet wurde, besagt, dass die Ikone „ausnahmsweise“ freigegeben werden darf.

Die Ikone ist nun in das Museum zurückgekehrt und die Kuratoren müssen beurteilen, ob sie den Transport überlebt hat oder nicht. In jedem Fall wird die Ikone sechs Monate lang unter Aufsicht stehen und während dieser Zeit werden die Besucher der Tretjakow-Galerie keine Gelegenheit haben, sie zu sehen.

Was für eine „Ausnahme“ war das eigentlich?

Als die Russisch-Orthodoxe Kirche vor 14 Jahren zum ersten Mal versuchte, die Ikone in die Lawra zu bringen, ging es um eine rein kirchliche Angelegenheit: Im Patriarchat von Alexis II. ging es um die Wiederbelebung der Kirche, um den Versuch, die von der sowjetischen Herrschaft befreite Russische Orthodoxe Kirche in die Rolle zurückzuführen, die sie im Russischen Reich gespielt hatte, und um romantische Träume von der Rückkehr zu den Idealen des Heiligen Russlands, die manchmal komische Formen annahmen. Die Überführung der „Dreifaltigkeitsikone“ in die Dreifaltigkeitskathedrale der Dreifaltigkeits-St. Sergius-Lawra hätte quasi dann ihre „Heimkehr“ bedeuten, die Wiederherstellung der Gerechtigkeit, den Triumph der Orthodoxie nach vielen Jahren der Unterdrückung. Es schien, dass die Frage der Rückgabe der alten Ikone an die Lawra nach einer hitzigen Debatte im Jahr 2008 für immer abgeschlossen war: Das Risiko sie zu zerstören überzeugte sowohl die Beamten als auch den Patriarchen Alexis (wer wollte schon als Mörder des wichtigsten Bildes der russischen Kultur in die Geschichte eingehen?)

 Aber jetzt, in den 13 Jahren des Patriarchats von Kirill, hat sich der Kontext völlig verändert. Heute ist die Übergabe der Ikone an die Lawra eine politische Geste, ein magisches Ritual im Dienste der Behörden. Die Behörden haben die Kunsthistoriker faktisch gezwungen, die Ikone aufzugeben und damit bewiesen, dass ihnen die Solidarität der Fachwelt nichts bedeutet. Die russisch-orthodoxe Kirche verfügt nicht über die Mittel, um Druck auf das Kulturministerium auszuüben. Sie hat horizontale Beziehungen zu ihm, und der Druck kam von ‚höherer Stelle‘, höchstwahrscheinlich von der Präsidialverwaltung oder auf informelle Weise direkt vom Kreml.

Dies ist eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung – mystische Unterstützung für den Krieg. Es gibt eine Legende, nach der Josef Stalin während des Zweiten Weltkriegs ein Flugzeug mit der Gottesmutter von Kasan über Moskau fliegen ließ, was die Hauptstadt angeblich vor der Kapitulation vor Hitlers Armee bewahrte. Die derzeitigen russischen Behörden handeln nach der gleichen Logik, und Gerüchte über Aberglauben und mystische, heidnische Einstellungen in Russland sind wahrscheinlich nicht stark übertrieben.

Patriarch Kirill hielt am 18. Juli vor dem Pfingstfest gehorsam seine neueste militaristische antiwestliche Predigt: „Russland ist heute ein mächtiger Staat, und es ist unwahrscheinlich, dass jemand versuchen wird, uns mit Waffengewalt unserer Freiheit und Unabhängigkeit zu berauben.  […] Wir wissen, dass heute viele Kräfte daran arbeiten, unser Volk und unser Land auf diese Weise zu beeinflussen. Und warum? Weil wir weiterhin anders sind. Im ‚aufgeklärten‘ Europa ist der Glaube an Gott verbannt, gebildete Menschen schämen sich, zuzugeben, dass sie gläubig sind, und das ist eine Tatsache. Aber in unserem Land, das Jahre der Gottlosigkeit und Verfolgung hinter sich hat, wird der Glaube an Christus in den Menschen gestärkt.“

Diese ganze Geschichte hat wieder einmal gezeigt, dass die Orthodoxie in Putins Russland zu einem Designprodukt geworden ist, einer traditionellen Art von Verpackung, die einen heidnischen, magischen Inhalt umhüllt, der von den Silowiki gefordert wird.


Sergey Ivanov (Historiker, Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung, Mitglied der Britischen Akademie der Wissenschaften, München):

Russland ist schon seit hundert Jahren ein säkularer Staat. Anstelle der Religion hat die kommunistische Regierung die Kultur auf ein Podest gestellt und sie zu einem universellen Erbe erklärt.

Diese Fetischisierung der Kultur hat es übrigens ermöglicht, viele Werke der religiösen Kunst zu schützen. Am meisten profitierte davon Rubljows Ikone, die sowjetische Restauratoren der Welt in ihrer jetzigen glorreichen Form präsentierten.

Das Putin-Regime flirtet schon lange mit der Kirche. Nicht ohne Grund bezog sich der Bericht der Staatsanwaltschaft zum Fall Pussy Riot auf den 692. Kanon der Trullanischen Synode. Allerdings hat das Regime auch nicht verkündet, dass es die säkularen Grundlagen der Staatlichkeit ablehnt, vor allem, weil es überhaupt kein Interesse an der Entstehung alternativer Legitimationszentren hat.

Die derzeitige Entscheidung, die unglaublich zerbrechliche und verletzliche Ikone in eine Kirche zu bringen, in der es unmöglich ist, die erforderliche Temperatur- und Feuchtigkeitskontrolle aufrechtzuerhalten, ist eindeutig politischer Natur; sie zielt darauf ab, die „orthodoxe“ Wählerschaft zu mobilisieren, um den Krieg gegen die Ukraine zu unterstützen. Staatliche Beamte, die direktiv über Fragen der „Heiligkeit“ und „Ehrfurcht“ entscheiden, sind ein schrecklicher Missbrauch des Konzepts eines säkularen Staates und Beweis für einen wachsenden Obskurantismus.


Tata Gutmacher (Kunsthistorikerin, Berlin):

Deutschland wartet darauf, dass Russland nach den Wartungsarbeiten das Gas wieder einschaltet, in Russland muss abgewartet werden, ob die Rubljowskaja-Trinität an die Tretjakow-Galerie zurückgegeben wird. (Spoiler-Alarm: Es wurde zurückgegeben. Ein weiterer Spoiler: die Ikone wird nun einer langen Inspektion unterzogen, die der Erhaltung des Werkes dient).

Nicht De- sondern Rekolonialisierung

In einer Zeit, in der sich europäische Forscher mit der Dekolonisierung von Museumssammlungen befassen, d.h. sie versuchen zu erklären, wo und unter welchen Bedingungen ein Kulturdenkmal in die Sammlung gelangt ist, versucht auch die Russische Föderation auf ihre Weise, Museumsdenkmäler in ihre ursprüngliche Umgebung zurückzuführen.

Der nächste Schritt erfordert äußerste Sorgfalt.

Ist die Rückkehr einer Ikone in den Schoß der Kirche nicht wunderbar? Es ist so, als ob sie dem, worauf sich die europäischen Museen nicht einigen können, sogar einen Schritt voraus ist. Das heißt, auf den ersten Blick scheint die ganze Aktion ein angenehmes Detail vor dem Hintergrund des ganzen anderen Ausschlachtens in der Russischen Föderation zu sein. Wir sehen die Rückkehr eines Kulturdenkmals in seinen ursprünglichen kulturellen Kontext, wenn auch nur für eine gewisse Zeit.

Was ist hier falsch?

Zwei Fragen helfen uns weiter.

Frage eins. Ist dies eine Rückkehr?

Der Hinweis ist die Restitution

Hinweis. Die Restitution, d.h. die Rückgabe der Beute im „befreiten“ Europa, die im postsowjetischen Russland begann, wurde nie wirklich abgeschlossen. In der neurussischen Zivilisation wird eine solche Restitution innerhalb des Staates jedoch zunehmend möglich. Aber diese Rückgabe von Eigentum, das der Kirche entzogen wurde, an die Kirche bedeutet nicht, dass die Dinge vom Staat auf die Kirche übertragen werden. Der Punkt ist ein anderer, die Kirche – und das wird jetzt deutlicher – ist endgültig Teil des Staates geworden. Man kann das Thema Säkularisierung vergessen.

Achtung, hier ist die Antwort. – Nein, es handelt sich nicht um eine Rückgabe. Nach dem Kriegsrecht liegt die gesamte Macht beim Oberbefehlshaber. Es ist nicht mehr Sache der Museumsberater oder des Kulturministeriums, darüber zu entscheiden. 

Frage zwei. Warum gerade jetzt? Denn jetzt braucht die Russische Föderation zusätzliche Energiequellen.

Die Aktion mit der Ikone der „Dreifaltigkeit“ ist die Antwort auf den Streit über die russische Kultur und warum es eventuell notwendig ist, sie zu canceln. Diese Aktion, die Ikone aus dem musealen Kontext zu verbannen und sie wieder in einen religiösen Rahmen zu stellen, zeigt, dass die Ikone für das russische Regime so etwas wie eine Waffe mit doppeltem Verwendungszweck ist. Sie ist zugleich ein Kulturgut und eine mystische Waffe, die dazu beitragen soll, das Kriegsgeschehen (und damit auch die ganze Geschichte) zu seinen Gunsten zu wenden.


Grigorij Michnov-Vajtenko (Bischof der Apostolischen Orthodoxen Kirche, Menschenrechtler, Preisträger des Helsinki Group Award, Sankt-Petersburg):

Die heutige Aktion mit der Dreifaltigkeitsikone ist das deutlichste und traurigste Beispiel für ein triumphierendes magisches Bewusstsein. Es sei daran erinnert, dass das Dogma der Bilderverehrung von der Anbetung des Urbildes spricht. So wird der Welt die Dreifaltigkeit durch die spirituelle Vision von Rubljows Genie einmal offenbart. Jetzt existiert es, und jede seiner Kopien (oder sogar die Fotokopie) sind in christlicher Hinsicht gleichwertig. Das bedeutet, dass jede Kopie dieser Ikone verehrt werden kann.

Die Verehrung eines historischen Artefakts, eines Kunstwerks ist eher ein materielles als ein spirituelles Phänomen. Und hier unterscheidet sich die Mauser von Dzerzhinsky nicht von einer Stradivari-Geige. Es hat einfach nichts mit Glauben zu tun. 

Das ist der Fall…


Slava Shvets (Kunstwissenschaftlerin mit Spezialisierung auf das kulturelle Erbe der katholischen Kirche, Absolventin der Päpstlichen Universität Gregoriana, Rom):

Die Verlegung der Dreifaltigkeitsikone aus dem Museum in die Kathedrale ist eine Demonstration der Prinzipien der Macht in Russland.

Die Übertragung der sechshundert Jahre alten Ikone, die nicht in perfektem Zustand ist, in einen Gottesdienst ist ein demonstrativer Wandel im Wertesystem. Erstens machen die russischen Behörden deutlich, dass sie das kulturelle Erbe als ihr Eigentum betrachten und darüber verfügen können, wie sie es wollen. Zweitens bedeutet es, dass die Ikone nicht mehr als Teil des historischen Kulturerbes, sondern ausschließlich als Kultobjekt betrachtet wird.

Jeder Christ, der sich an das zweite Gebot erinnert, weiß, dass es für den wahren Glauben keinen Unterschied zwischen der ursprünglichen „Dreifaltigkeitsikone“ und ihrer Kopie gibt. Aber dieser Unterschied besteht im Heidentum, das sehr auf „starke“ und „schwache“ Amulette und Artefakte achtet. Je mehr verschiedene Artefakte Sie besitzen, desto gnädiger sind die Götter. Leider ist Ikone zu einem solchen Artefakt geworden.


Gasan Gusejnov (Sprach- und Kulturwissenschaftler, Brīvā universitāte, Lettland):

Rubljows „Dreifaltigkeitsikone“ zwischen Kirche und Kunstgalerie

Die moderne Russische Föderation ist formell ein säkularer Staat. Die Russische Föderation hat von der UdSSR eine säkulare Einstellung gegenüber Kulturdenkmälern geerbt, aber nicht gegenüber allen. Die aggressive antiklerikale Politik der sowjetischen Behörden wurde durch eine möglichst freundliche Politik gegenüber der russisch-orthodoxen Kirche ersetzt, die innerhalb von dreißig Jahren die meisten Kirchengebäude zurückeroberte. Doch lange Zeit blieben die in den Museen aufbewahrten Werke der religiösen Kunst in erster Linie Kulturgut und erst in zweiter Linie Teil der kirchlichen Tradition.

Die Entscheidung, das vielleicht wichtigste Symbol der russischen Kultur, die Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rubljow, der Kirche zu übergeben, stellt äußerlich einen Meilenstein in der Entsäkularisierung der Kultur dar: Die Ikone kehrt in den Schoß ihrer Kirche zurück. Andererseits ist klar, dass die Ikone als konkretes Kunstwerk, als konkretes Objekt, das von einem konkreten Künstler geschaffen wurde, dadurch bedroht ist. Um die Zerstörung dieser besonderen Ikone zu vermeiden, wurde eine ihrer alten Kopien in der Kirche aufgehängt, die den Kerzenruß auf sich nahm. Natürlich könnte man dagegen einwenden: Was ist mit den Gemälden von Caravaggio, die in Santa Maria del Popolo in Rom hängen? Warum haben die Katholiken in Italien ein Gleichgewicht zwischen Kirche und Kultur gefunden und warum sollte dies den Orthodoxen in Russland verwehrt bleiben?

Aber es gibt noch eine dritte Dimension dieses Ereignisses: Sowohl die Herren des Staates als auch die der russisch-orthodoxen Kirche sahen in der Ikone weder ein großes Kulturdenkmal, das von Zerstörung bedroht war, noch eine religiöse und philosophische Botschaft an die Herde, die aus sechs Jahrhunderten russischer Geschichte stammte. Sie haben das alte Amulett einfach verkostet. Inzwischen wurde das Amulett aus der Kirche entfernt und an die Tretjakow-Galerie zurückgegeben. Aber wer weiß, welche weiteren Ausschweifungen der Entsäkularisierung auf Russland warten?

Illustration: Maria Pokrovskaya

Das Geburtstrauma der russisch-orthodoxen Kirche

Das litauische Außenministerium schlug Ende April vor, den Moskauer Patriarchen Kyrill in die Liste der mit Sanktionen belegten Personen aufzunehmen. Dieser Vorschlag wurde mit dem 6. Sanktionspaket gegen die die Russische Föderation geprüft, wobei der Führer der russischen orthodoxen Kirche am Ende nicht in die Liste aufgenommen wurde, da sich vor allem der ungarische Premier Viktor Orban vehement dagegen aussprach. Bisher sind in der Liste russischer Staatsbürger, die von der EU, Amerika und anderen Ländern mit Sanktionen belegt wurden, vor allem Staatsbeamte und einflußreiche Wirtschaftsmagnaten zu finden, die mit dem Staat in Verbindung stehen sowie einflussreiche Propagandisten Putins, aber keine Vertreter religiöser Organisationen.

Für europäische Zeitgenossen ist es schwer zu verstehen, warum das Oberhaupt einer großen christlichen Konfession den Militarismus unterstützt, den Krieg rechtfertigt und sich solidarisch mit dem Vorgehen eines autoritären Regimes zeigt. Bis jetzt stellte sich der Patriarch Kyrill in all seinen Äußerungen seit Ende Februar, als die russische Invasion in die Ukraine begann, ausnahmslos auf die Seite des Angreifers und demonstrierte damit, dass die russische Kirche ein untrennbarer Teil der Putin’schen Staatsmaschinerie ist und all seine Entscheidungen moralisch rechtfertigt. Beispielsweise sagte Kyrill in einer seiner sonntäglichen Predigten: “Möge Gott uns allen in dieser für unser Vaterland schwierigen Zeit helfen zusammenzuhalten, denjenigen im Umfeld der Macht und der Macht selbst, ihrer Verantwortung für ihr Volk gerecht zu werden, in Demut und der Bereitschaft, sogar das eigene Leben hinzugeben.” Solche Beispiele lassen sich dutzendweise finden. Andere Bischöfe widersprechen ihm nicht und geben ebenfalls aggressive politische Erklärungen ab, richten ihre Herde darauf aus, sich um die Handlungen der Staatsmacht zu scharen. Das wirkt auf den ersten Blick überraschend, wenn nicht gar schockierend, doch wenn wir die historischen Wurzeln verfolgen, überrascht es ganz und gar nicht.

Kurz zuvor verfasste Andrej Pinchuk, ein Priester aus der Diözese Dnepropetrovsk einen öffentlichen Aufruf an den Rat der Vorsteher der alten Ostkirchen mit der Forderung, gegen den Patriarchen Kyrill ein Gerichtsverfahren zu beginnen. Diesen Aufruf unterschrieben 400 ukrainische Geistliche. Sie fordern ein allorthodoxes Gerichtsverfahren über den russischen Patriarchen, den Kopf dieses gesamten Kirchenzweiges, dem sie weiterhin angehören. Zur Begründung führen sie zum Einen die Predigt über die Doktrin der “russischen Welt” an, welche die Autoren des Briefes zur Häresie erklären möchten, zum Anderen die faktische Segnung des Krieges in der Ukraine. “Ungeachtet der Tatsache, seit vielen Jahren in allen seinen Veröffentlichungen betont hat, dass er die orthodoxen Christen in der Ukraine als seine Herde betrachtet, für die er die Verantwortung trage, segnet er heute geradeheraus die physische Vernichtung eben dieser Herde durch die russischen Truppen,” — steht in diesem Aufruf.

Zu Anfang seines Patriarchats reiste Kirill regelmäßig in die Ukraine, beging beispielsweise den Tag des heiligen Fürsten Wladimir in Kiew, wo man ihn feierlich empfing und eine Sitzung der Synode abhielt. In der Hauptresidenz des Patriarchen im Danilov Kloster in Moskau hisste man Flaggen aller Länder seines so genannten “kanonischen Territoriums”, darunter auch die ukrainische. Kyrill definierte sich als Patriarch der “russischen Welt”, zu der beinahe das gesamte Gebiet des ehemaligen Sowjetimperiums gehörte, vor allem die Länder der “Brudervölker” Ukraine und Belarus.

Vor dem Zerfall der UdSSR und dem Beginn der so genannten “religiösen Wiedergeburt” waren die orthodoxen Gemeinden und Bistümer in der Mehrzahl der Sowjetrepubliken juristisch ein Teil der russischen Kirche. In der kommunistischen UdSSR war die Religion verboten, wobei ausgerechnet die russische orthodoxe Kirche, im Unterschied zu anderen, kleineren Konfessionen, enge Beziehungen zum Parteiapparat der KPdSU und des KGB unterhielt. Das kam zum großen Teil daher, dass die orthodoxen Gemeinden ethnische Gemeinschaften blieben, in denen die russischsprachigen Bürger der kleineren Sowjetrepubliken sich zusammenschlossen. Die Ukraine und Weißrußland waren in den ersten postsowjetischen Jahrzehnten kulturell und politisch viel enger mit Russland verflochten als die anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Obwohl sich gerade in der Ukraine am schnellsten einige voneinander unabhängige orthodoxe Rechtsgemeinschaften bildeten, halboffiziell und von Moskau nicht anerkannt, welches sich kategorisch gegen jegliche Abspaltung (russisch “Raskol”) und damit Beschneidung seiner Macht aussprach. Diese Situation war immer wieder der Gegenstand von diplomatischen Verhandlungen und Konflikten in der weltweiten Orthodoxie, gleichzeitig verbesserte die Konkurrenz der verschiedenen kirchlichen Institutionen die Ordnung innerhalb der orthodoxen Kirche der Ukraine. Ukrainische Bistümer und Gemeinden stellten allerdings einen bedeutenden Teil der Russisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchen dar und ermöglichten es ihm, sich zur zahlenmäßig größten orthodoxen Kirche weltweit zu erklären. Die ukrainischen Gemeinden trugen zudem erheblich zur finanziell stabilen Lage der russisch-orthodoxen Kirche bei.

Ukrainische Bischöfe beeinflussten maßgeblich den Ausgang der bischöflichen und lokalen Konzile der russisch-orthodoxen Kirche, welche nach den Statuten das höchste Verwaltungsorgan darstellen. In der Zusammensetzung des Konzils stimmten sie im Jahre 2009 für die Wahl des Smolensker Metropoliten Kyrill zum russischen Patriarchen.

Im Jahre 2014, nach dem Majdan, der Eroberung der Krim und dem Beginn des Krieges im Südosten der Ukraine, reiste Patriarch Kyrill nicht mehr nach Kiew. Metropolit Hilarion (Alfeyev), Leiter der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen, wurde vom ukrainischen Geheimdienst an der Grenze zurückgeschickt.

Jede nationale orthodoxe Kirche definiert sich über ihre Beziehungen zu ihrem Staat. Und der tragische Zustand der ukrainischen Orthodoxie besteht seit 2014 darin, dass die einzige kanonische Kirche auf ihrem Territorium, die von allen orthodoxen Kirchen der Welt anerkannt wird, sich weniger auf ihren eigenen Staat, sondern auf einen fremden, sogar feindlichen Staat — nämlich Russland bezieht und dem Patriarchen Kyrill unterstellt ist.

Die Priester und Bischöfe der ukrainisch-orthodoxen Kirche verloren das Vertrauen eines großen Teils ihrer Gläubigen und wurden durch das Kürzel „MP“.

Für Moskauer Patriarchat – im Namen ihrer Kirche zu Fremden im eigenen Land. Gleichzeitig blieb für Patriarch Kyrill die „ukrainische Frage“ so schmerzhaft, dass er sich überhaupt nicht damit befasste. Daraufhin nahmen sich Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel und seine Kirchendiplomaten der Sache an. Und so wurde 2018 die von Moskau unabhängige orthodoxe Kirche der Ukraine auf der Basis alternativer ukrainisch-orthodoxer Gemeinschaften gegründet, die zuvor als nicht kanonisch galten. Der damalige Präsident Petro Poroschenko war von der Gründung der ukrainischen Kirche sehr angetan, sie war Teil seiner Wahlkampagne, aber trotz seines Sieges im kirchlichen Bereich wurde er nicht für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Poroschenko verkündete dem Volk mit folgenden Worten, dass eine neue ukrainische Kirche gegründet worden sei: „Heute ist der Tag, an dem wir endgültig die Unabhängigkeit der Ukraine von Russland erreichen. Die Ukraine wird nicht mehr, wie Taras Schewtschenko sagte, ‚aus dem Moskauer Giftbecher‘ trinken.“

Dennoch blieb es in den folgenden drei Jahren in der Ukraine bei zwei parallelen großen orthodoxen Glaubensgemeinschaften, und das Oberhaupt der ukrainischen Kirche des Moskauer Patriarchats, Metropolit Onufry von Kiew, formell dem Patriarchen Kyrill unterstellt, blieb ein angesehener und verehrter religiöser Führer in der Ukraine. Gemessen an der Zahl der Gemeindemitglieder und Diözesen ist die ukrainische orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats bis heute die größte religiöse Organisation in der Ukraine. Sie hat sich allerdings nach und nach immer weiter von Moskau distanziert.

Die ganze Zeit hindurch wiederholte Patriarch Kyrill gebetsmühlenartig, dass die Ukrainer, die Russen und die Weißrussen ein Volk seien, das „aus dem Brunnen von Kiew“ (gemeint ist die Taufe der Rus‘ im Jahr 988) hervorgegangen sei und das von bösen Politikern gespalten wurde, während das Volk selbst nach Einheit strebe, einschließlich der kirchlichen Einheit. Auch war der Patriarch einer der Hauptideologen der Doktrin von der „russischen Welt“, in der die Ukrainer als Unterethnie der russischen Nation dargestellt werden und der Ukraine die Subjektivität als Staat abgesprochen wird: Wenn es keine Nation gibt, dann kann man mit ihr machen, was man will. Dies deckt sich voll und ganz mit Putins eigenwilliger Interpretation der ukrainischen Geschichte, die den russischen Fernsehzuschauern am Vorabend des Krieges präsentiert wurde: Eine interaktive Karte stellte das Territorium der Ukraine als eine Reihe von „Schenkungen“ russischer Herrscher von Peter dem Großen bis Lenin und Chruschtschow dar.

Doch nun zur Geschichte der russisch-orthodoxen Kirche, denn sonst bleiben viele Fragen ungeklärt: Die russisch-orthodoxe Kirche als Organisation wurde 1943 von Joseph Stalin gegründet. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war praktisch die gesamte historische orthodoxe Kirche zerstört – in den Jahren des militanten Atheismus der Bolschewiki wurde der Klerus als feindliche Klasse liquidiert. Zehntausende von Priestern, Bischöfen und Mönchen wurden erschossen oder starben in Lagern. In Freiheit geblieben und de facto die höchste kirchliche Autorität usurpiert hatte damals der Metropolit Sergius (Stragorodsky) – er war der stalinistischen UdSSR gegenüber äußerst loyal. Um das, was von der Kirchenhierarchie noch übrig war, zu retten, gab er 1927 seine „Erklärung“ ab, in der er Stalin mit den Worten „eure Freuden sind unsere Freuden“ die Unterwerfung der Überreste der orthodoxen Kirche unter die Sowjetregierung demonstrieren wollte. Viele inhaftierte Metropoliten akzeptierten Sergius‘ Position entschieden nicht und forderten ihre Herde zu einem riskanten Kirchenleben außerhalb der gesetzlichen Grenzen auf, im Untergrund, in den Katakomben. Die Kollaboration mit dem Staat wurde später nach Metropolit Sergius „Sergianismus“ genannt.

Nach dem Ausbruch des Krieges mit Deutschland war Stalin der Meinung, dass die Orthodoxie zu einem wichtigen Einigungsfaktor im Angesicht des Feindes werden könnte. Darüber hinaus öffneten die Deutschen in den von ihnen besetzten Gebieten die Kirchen, die von den Bolschewiken geschlossen und verwüstet worden waren, was einen erheblichen Einfluss auf die Einstellung der lokalen Bevölkerung gegenüber den Deutschen hatte.

Stalin rief zunächst die drei verbliebenen Bischöfe, die zu diesem Zeitpunkt noch lebten und auf freiem Fuß waren, zu einem Gespräch zu sich und erlaubte ihnen dann, ein Konzil zur Wahl von Sergius zum Patriarchen einzuberufen. Damit dieses Konzil stattfinden konnte, wurden noch einige weitere Bischöfe aus der Haft entlassen. Die neue Organisation erhielt den Namen „Russische Orthodoxe Kirche“, während die orthodoxe Kirche im Russischen Reich vor der Revolution „Russische Griechisch-Katholische Orthodoxe Kirche“ hieß und von der staatlichen „Abteilung des orthodoxen Bekenntnisses“ verwaltet wurde. Und in der kurzen Zeit der Unabhängigkeit nach der Revolution wurde sie in den Dokumenten des demokratischsten Gremiums in der Geschichte der russischen Orthodoxie, dem Lokalen Rat von 1917-1918, als „Russische Orthodoxe Kirche“ bezeichnet. Hier ist es wichtig zu beachten, dass es in der russischen Sprache zwei Wörter gibt, etwa „russisch“ und „russistisch“, wobei das Erste die ethnische Komponente und das Zweite die zivile Komponente betont. Mit anderen Worten: Der neue Name stärkte die ethnische Zugehörigkeit, das „Russischsein“ und den traditionellen Charakter der neuen Kirchenstruktur. Gleichzeitig mit der Gründung der russisch-orthodoxen Kirche schuf Stalin ein eigenes Kontrollgremium im System der Staatssicherheit, den Rat für Angelegenheiten der Russisch-Orthodoxen Kirche. Ausgerechnet die KGB-Offiziere, die in dem Rat arbeiteten, waren in all den Jahren der Sowjetmacht für die Rekrutierung der Kader und die Verwaltung der Kirche verantwortlich.

Das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat wurde in Russland nie ganz verwirklicht, obwohl es in den postsowjetischen Jahren in der Verfassung und dem Gesetz „Über die Gewissensfreiheit und religiöse Vereinigungen“ von 1997 verankert wurde. Tatsächlich hat die russische orthodoxe Kirche schon immer steuerliche und andere Vergünstigungen genossen, sie erhielt staatliche Unterstützung als Gegenleistung für ihre Loyalität und die Versorgung der staatlichen Macht mit einer eigenartigen traditionalistischen Erzählung. Die Orthodoxie im Allgemeinen zeichnet sich durch enge koabhängige Beziehungen zu Nationalstaaten mit einer ausgeprägten ethnischen Basis aus. Die Kirche kann nicht ohne den Staat auskommen und ihre öffentliche Rhetorik ohne Patriotismus und politische Zustimmung zu der jeweilig aktuellen Regierung aufbauen – sie ist eine Art Exoskelett, das die Hierarchie stützt und es ihr ermöglicht, sich zu reproduzieren.

Die postsowjetische Periode in der Geschichte der russisch-orthodoxen Kirche dauert nun bereits drei Jahrzehnte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion, als man ihr quasi die Freiheit geschenkt und die Kontrolle des Geheimdienstes durch die Abschaffung des Rates für religiöse Angelegenheiten gelockert hatte, bekam das Moskauer Patriarchat Angst vor der Konkurrenz: in das Land, das durch Instabilität demoralisiert war und nach Wundern dürstete, strömten haufenweise ausländische protestantische Prediger, verschiedene totalitäre Sekten und humanitäre Missionen der katholischen und anderer orthodoxer Kirchen. Mit ihnen als Gleiche unter Gleichen zu konkurrieren, war gefährlich und erniedrigend für die russisch-orthodoxe Kirche, also wählte sie den bekannten Weg, indem sie sich auf den Staat stützte und ihm das einzige Gut verkaufte, über das sie verfügte, nämlich die sakrale Legitimation der Staatsmacht, die Anerkennung ihrer Verwurzelung in der russischen Geschichte. Im Gegenzug erhielt die Kirche de facto den Status einer Staatskirche, obwohl es de jure im multiethnischen Russland vier traditionelle Religionen gibt, nämlich die Orthodoxie, den Islam, den Buddhismus und das Judentum, was auch im Gesetz über die Religionsfreiheit verankert ist.

Im Zuge dessen erhielt die russisch-orthodoxe Kirche auch ihren früheren Besitz zurück, obwohl es in Russland sonst keine Rückerstattung gab. Die orthodoxe Kirche erhielt als einzige Institution die von den Bolschewiken enteigneten Immobilien – Kirchen, Klöster und andere Gebäude – zurück, ebenso wie ihre Steuerprivilegien und weitere Vergünstigungen.

Daher war es naiv zu glauben, dass der Patriarch Kyrill oder einer seiner Bischöfe es wagen würde, sich gegen den Krieg auszusprechen, obwohl ein Land aus dem kanonischen Territorium der russisch-orthodoxen Kirche ein anderes angegriffen hat und obwohl auf beiden Seiten orthodoxe Priester gestorben sind. Diese Kirche als Verwaltungsstruktur wurde von Stalin erfunden und fügte sich deshalb nahtlos in Putins autoritären Staat ein. Sie kann in einer freien Gesellschaft nicht existieren und unterstützt die Vertikale der Macht bedingungslos, ohne Rücksicht auf deren moralischen Qualitäten. Und sie wird weiterhin jede ihrer Handlungen gutheißen, bis sie das Gefühl hat, dass diese Macht schwächer wird und sie Beziehungen zu ihrer stärksten Konkurrentin, der potentiellen künftigen Staatsmacht, aufbauen muss.

Illustration: Maria Pokrovskaya

Architektur für militante Staatsorthodoxie

Der Kirchenbau ist zu einem Symbol für die letzten dreißig Jahre der sogenannten “kirchlichen Wiedergeburt” geworden, welche sich in den Jahren des postsowjetischen Übergangs der russischen Geschichte vollzog und der nun in ein so fatales Scheitern mündete: der Rückkehr des Totalitarismus und einem schrecklichen Krieg. Die russische Kirche hat aktiv daran teilgenommen, unter anderem, indem sie das stilistische, symbolische Bild des Putinismus geprägt und ihm eine sakrale, mystische Dimension verliehen hat.

Der militante Atheismus des frühen Sowjetregimes forderte Opfer: in den ersten Jahrzehnten der Sowjetunion wurden unglaublich viele Sakralbauten der verschiedenen Religionen zerstört. Kirchen wurden gesprengt und an ihrer Stelle U-Bahnhöfe, Stadien und Wohnhäuser gebaut, oder die Flächen fielen brach. Im günstigsten Fall bauten die Sowjets Kirchen für ihre Zwecke um und nutzten sie als Lagerhäuser (oft mit giftigen Substanzen, deren Dämpfe die alten Fresken verätzten), Druckereien, Kinos, Forschungsinstitute oder Wohnheime. Auch innerhalb des Moskauer Kremls wurden zwei Klöster abgerissen, das Tschudov und das Voznesensky Kloster. Glück hatten die Kirchen, die in Museen umgewandelt oder, in den seltensten Fällen, weiter als Kirchen genutzt wurden. Vor der Revolution von 1917 war die russisch-orthodoxe Kirche einer der größten Immobilienbesitzer im Russischen Reich, deshalb wurde während des Sowjetregimes soviel abgerissen und verstaatlicht. Das vernichtete etwa ebensoviel kulturelles Erbe der Menschheit wie die Sprengung der Buddha-Statuen durch die Taliban in Afghanistan oder die Zerstörung der antiken Monumente von Palmyra und Mosul durch den IS. Nur gab es damals keine Massenmedien, die das dokumentieren, geschweige denn live zeigten, und so blieb der Abriss hunderter alter orthodoxer Kirchen in Russland durch die Bolschewiki nicht einmal den Russen selbst in lebendiger historischer Erinnerung.

Das Erscheinungsbild der russischen Städte veränderte sich dadurch jedoch erheblich — wo früher goldene Kuppeln in der Sonne glitzerten, blinkten jetzt mit billiger Silberfarbe gestrichene Lenin-Denkmäler. Auch die Toponymie war betroffen: Die zentralen Straßen, die oft nach den Schutzheiligen der an ihr befindlichen Kirchen benannt waren, trugen nun die Namen bolschewistischer Führer. Zusammen schuf dies den symbolischen Raum, in dem der Sowjetmensch existierte. Bis heute wurden viele Straßen trotz wiederaufgebauter Kirchen noch nicht umbenannt, so dass eine semantischer Eklektizismus in der Topografie entstand.

Zu Beginn der Perestroika, war einer der Wendepunkte, der für die Gesellschaft von Bedeutung war, die großen Feierlichkeiten zum 1000-jährigen Jubiläum der Taufe der Rus‘ im Jahr 1988. Kirchliche Feiern in bisher nie dagewesenen Ausmaß symbolisierten das Ende der Verfolgung wegen des Glaubens und die Hoffnung auf die Wiederherstellung beschädigter historischer und kultureller Zusammenhänge. Viele Jahre lang schien es so, als ob das auch geschehe.

In den 1990er und 2000er Jahren beschäftigte die russisch-orthodoxe Kirche sich fast ausschließlich mit ihrer baulichen Expansion. In der Russischen Föderation gab es keine offizielle Restitution; keine Erben von Institutionen und Einzelpersonen erhielten ihr von den sowjetischen Behörden verstaatlichtes und beschlagnahmtes Eigentum zurück. Mit einer Ausnahme — der russisch-orthodoxen Kirche. Obwohl das Wort „Restitution“ nicht fiel, wurden seit Anfang der 1990er Jahre mehrere Gesetze verabschiedet, die die Rückgabe von religiösen Besitztümern an die Kirche zum Inhalt hatten. Im Jahre 2010 wurde unter Präsident Dmitri Medwedew trotz der Proteste von Kulturschaffenden, Kunsthistoriker*innen, Restaurator*innen, Museumsfachleuten usw. ein Gesetz verabschiedet, das die Rechte der Kirche an Immobilien ausweitete und ihr erlaubte, ehemalige Kirchengebäude, nicht nur die Kirchen selbst, wieder in Besitz zu nehmen und nach eigenem Gutdünken darüber zu verfügen. Die Erhaltung vieler Architekturdenkmäler und ihre Zugänglichkeit für die Öffentlichkeit außer für religiöse Zwecke ist nach wie vor ein Problem. Und in der Region Kaliningrad (ehemals Ostpreußen und Königsberg), in der es vor der Revolution gar keine orthodoxe Tradition gab, die aber in den 1990er- bis 2000er-Jahren die Diözese des zukünftigen Patriarchen Kyrill war, erhielt die russisch-orthodoxe Kirche ursprünglich lutherische und katholische Kirchen und sogar ehemals deutsche Schlösser, weil es Gebäude für religiöse Zwecke seien.

Zum wichtigsten Symbol Moskaus in der Ära Jelzin und des Patriarchen Alexij II. wurde ein grandioses Bauprojekt mitten im Zentrum der Stadt: die Wiedererrichtung der Christ-Erlöser-Kathedrale, die Anfang des 20. Jahrhunderts zum Gedenken an den Krieg von 1812 und den Sieg über Napoleon errichtet und 1931 zerstört worden war. An ihrer Stelle wollten die Bolschewiki das gigantische “Haus der Sowjets” errichten, ein Zikkurat, gekrönt von einer riesigen Lenin-Statue, das die Macht der Sowjets sakralisiert und ganz Moskau dominiert hätte. Doch mit dem Ausbruch des Krieges wurde das riesige Bauvorhaben auf Eis gelegt, und später wurde auf den Fundamenten das größte Freibad der UdSSR errichtet.

Die in den 1990er Jahren wiederaufgebaute Kirche, die als Akronym für den russischen Namen , ”Chram Christa Spasitelja” sofort abschätzig “Cha-Cha-Es“ genannt wurde, wie um ihre politische, offizielle Rolle gegenüber ihrer spirituellen, christlichen Rolle zu betonen, wurde zum Sinnbild der engen Beziehungen zwischen der russisch-orthodoxen Kirche und dem neuen russischen Staat. Auf der einen Seite war sie ein pompöses, reich ausgestattetes, wenn auch hastig erbautes “Zentrum der Spiritualität”, auf der anderen Seite war sie immer wieder mit Skandalen verbunden. So gehört eine große kommerzielle Autowaschanlage zum Gebäudekomplex der Kirche, riesige Räumlichkeiten im Untergeschoss der Kathedrale werden für nicht-religiöse Veranstaltungen vermietet und so weiter.

Obwohl man danach strebte, das historische Gebäude des Architekten Thon wiederherzustellen (welches die Zeitgenossen schon im 19. Jahrhundert nicht mochten und als nicht zu Moskau passend empfanden), wurde es schließlich eine Neuauflage, die in gewisser Hinsicht ihrer Zeit entspricht, nämlich den übergeschnappten russischen Banditen der 1990er und den reichen, satten 2000er Jahren. Stilistisch passt die Kirche zum Schönheitsempfinden der damaligen politischen und wirtschaftlichen Eliten. Der Bau dauerte mehrere Jahre und die Einweihung fiel passenderweise unmittelbar an den Anfang von Putins Regierungszeit. Eine Woche bevor die Kathedrale im August 2000 geweiht und eröffnet und in den geräumigen, extra für große Versammlungen entworfenen Sälen im Sockelgeschoss ein Bischofskonzil abgehalten werden sollte, sank das U-Boot “Kursk” und der Fernsehturm von Ostankino ging in Flammen auf. Dies waren die beiden unheilverkündenden Ereignisse, die den Beginn der Ära Putin begleiteten. Aufgrund der in Russland herrschenden Trauer um die gestorbenen Seeleute fiel die Einweihung der Christ-Erlöser Kathedrale viel bescheidener aus als geplant.

Seitdem stehen jedes Jahr an Weihnachten und Ostern in eben dieser Kirche allerhöchste Staatsfunktionäre mit Kerzen in der Hand, in diesem Jahr nahmen Präsident Putin und der Moskauer Bürgermeister Sobjanin am Ostergottesdienst teil. Eben hier wurde das Konzil der Russisch-Orthodoxen Kirche abgehalten, das den Patriarchen Kirill wählte und hier fand auch seine feierliche Amtseinsetzung statt. In diese Kathedrale wurden Heiligtümer der griechischen Welt (z. B. der “Gürtel der Jungfrau Maria”), und Schlangen von Tausenden von Menschen wurden zu einem sichtbaren Teil des Moskauer Stadtbildes.

Doch im Jahr 2012 wurde die Kathedrale der Heiligen Jungfrau durch einen gewagten 30-sekündigen Auftritt der feministischen Punkband Pussy Riot mit ihrem Punksong “Jungfrau Maria, vertreibe Putin” geschändet. Dieses Ereignis entpuppte sich rasch als Wendepunkt in der postsowjetischen Geschichte der Russischen Orthodoxen Kirche. Die Aktivistinnen Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa wurden zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt und im Vorfeld des Prozesses gab es eine groß angelegte Propagandaoffensive. Das Staatsfernsehen zeigte Filme über die Bedrohung durch Gotteslästerung, welche vom Westen inspiriert und bezahlt werde und vor der Moskauer Kathedrale fand im April 2012 ein Gebetstreffen von vielen tausend Menschen “für den Glauben” und gegen die Schändung von Heiligtümern statt. Aufgrund dieses Falles wurde das Blasphemiegesetz verabschiedet, eines der ersten und wichtigsten repressiven Gesetze des letzten Jahrzehnts.

Der Fall Pussy Riot veränderte das Verhältnis zwischen der russisch-orthodoxen Kirche und einem erheblichen Teil der russischen Gesellschaft von Grund auf. Die heftige Bestrafung für ein derart unbedeutendes Vergehen und der Einsatz von Sicherheitskräften zum Schutz vor “Schändungen” stieß Intellektuelle und junge Menschen ab. Patriarch Kirill fühlte sich schutzbedürftig und entschied sich endgültig für die Staatsmacht und die “Silowiki” (Geheimdienste und Armee) als seine wichtigsten Verteidiger. Symbolisches Ergebnis dieser Entscheidung wurde ein gigantisches neues Bauprojekt.

Im Jahr 2020, inmitten der Coronavirus-Pandemie, wurde die Hauptkirche der russischen Streitkräfte eingeweiht — ein riesiges Bauwerk in der Nähe von Moskau, im Zentrum des neuen “Patriot”-Parks, ein Tempel des Verteidigungsministeriums. Er wurde sofort “Tempel für den Abstieg in die Hölle” genannt und zum Inbild von Kyrills Patriarchat: reich, düster, mit groben Mosaiken, die feierliche Momente der russischen Geschichte zeigen, welche sich den Erbauern und Auftraggebern der Kirche zufolge triumphal von einem Sieg zum anderen entwickelte. Die riesige vergoldete Christusstatue ähnelt eher einem Buddha. Die ästhetische Erscheinung dieser Kirche wurde mit einem Kühlschrankmagneten verglichen, mit einem heidnischen Tempel, einem Altar für den Gott des Sieges — alles mögliche, bloß keine christliche Kirche.

In allen offiziellen Beschreibungen der Armeekirche wird eine magische Numerologie erwähnt, die der christlichen Tradition direkt entgegensteht: Die Ikonostase hat 48 Ikonen, entsprechend der Anzahl der Monate des Großen Vaterländischen Krieges, wenn man Japan mitzählt (die Anzahl der Ikonen so zu berechnen steht außerhalb jeglicher Tradition), die Mosaikfläche beträgt 2644 Quadratmeter, entsprechend der Anzahl der Vollmitglieder des Ordens der Herrlichkeit, das Gebäude ist 96 Meter hoch, weil das Jahr 960 als das Geburtsjahr von Fürst Wladimir, dem Namenspatron von Präsident Putin, gilt. Die Hauptikone der Kirche ist auf die Bretter der Lafette einer acht Pfund schweren gusseisernen Kanone von 1710 gemalt, die vom Grund der Newa gehoben wurde. Ein Priester der Russisch-Orthodoxen Kirche, Hieromonk Ioann Kurmoyarov, schrieb auf Facebook: “Wenn es noch weitergeht, fürchte ich, dass es zur Geburt eines neuen pseudo-orthodoxen kaiserlich-militaristischen Kults führen wird, wie die alten römischen synkretistischen Kulte, bei denen die Hauptbedingung nicht die Loyalität zu Christus und seiner Kirche ist, sondern die Loyalität zum Kaiser und dem Staat”. Nach dieser öffentlichen Kritik wurde er seines Amtes enthoben.

Diese Kirche mit all ihrer esoterisch-patriotischen “Füllung” wurde bereits vor zwei Jahren geweiht und entwickelte sich zu einem finsteren Abbild der militaristischen Expansion der russischen Welt, gesegnet von der Russisch-Orthodoxen Kirche, einer Struktur, die von Stalin auf den Trümmern der historischen russischen Orthodoxie errichtet wurde und der es wohlergeht, solange sie das jeweilige politische Regime in Moskau unterstützt und ideologisch legitimiert.

Diese Kirche wurde am Vorabend eines neuen Krieges errichtet, um ihm eine ideologische und sakrale Basis zu geben. Von der Kanzel eben dieser Kirche predigt Patriarch Kyrill, den die EU auf die Sanktionslisten setzen wollte, es aber doch — noch — nicht tat, für eine militärische Invasion der Ukraine und scheut dabei auch vor Falschaussagen nicht zurück: “Russland will niemandem schaden, will niemanden besetzen, will niemandem die Ressourcen entziehen, wie es die meisten reichen und mächtigen Länder tun, die schwache und hilflose Länder wirtschaftlich besetzen. Wir brauchen das alles nicht, wir sind autark, wir brauchen nur eines: unsere wahre Freiheit, unsere Unabhängigkeit von diesen Weltmächten, die heute leider Russland gegenüber feindlich gesinnt sind. Wir müssen alle unsere Kräfte bündeln, sowohl geistig als auch materiell, damit niemand es wagt, in die heiligen Grenzen unseres Vaterlandes einzudringen”.

Illustration: Maria Pokrovskaya