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Rongvold Moldova for Sveatcenko

Zum Tango gehören sieben, oder Wer soll den Transnistrien-Konflikt lösen?

Vor dreißig Jahren unterzeichneten die Präsidenten der Republik Moldau, Mircea Snegur, und Russlands, Boris Jelzin, in Moskau ein „Abkommen über die Grundsätze für die friedliche Beilegung des bewaffneten Konflikts in der Transnistrischen Region der Republik Moldau“. Der Krieg am Nistru war beendet. Doch der Konflikt blieb bestehen, nur ging er in eine eingefrorene Phase über. 

Seither gab es diverse Pläne für eine endgültige Beilegung des Konflikts, die Formate der Verhandlungen änderten sich, Chișinău und Tiraspol versuchten bald, sich gegenseitig anzulächeln, bald verfielen sie in Streitereien. Aber das Wichtigste ist: Das politische Ergebnis von drei Jahrzehnten ist gleich Null. 

Und das, obwohl Experten, Vermittler und Beobachter immer wieder beteuern, dass das Potenzial für eine Einigung groß sei, denn de facto gebe es ja keine besonderen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Bewohnern der beiden Ufer des Nistru. Es kommt aber auf das de jure an, und da gibt es Probleme.

Wollen wir Parallelen zu anderen post-sowjetischen (und anderen) eingefrorenen Konflikten ziehen, so fehlt dem transnistrischen Problem sowohl die religiöse Komponente (Meinungsumfragen zeigen, dass sich etwa 95 % der Bevölkerung als orthodoxe Christen betrachten) als auch die nationale (alle ethnischen Gruppen sind stark gemischt, Transnistrien weist fast die gleiche ethnische Bandbreite wie Moldau auf, nur dass es hier wesentlich mehr Russischsprachige gibt). Mit Zypern oder Georgien also kein Vergleich. Vielmehr lässt die Lage an die fast schwedischen, extrem autonomen Aland-Inseln denken. 

Kaum jemand beruft sich hier auf „historische Wahrheiten“, denn im 20. Jahrhundert änderten sich die Grenzziehungen mehrmals. 1918 wurde Moldau Teil des Königreichs Rumänien, und 1924 entstand die Moldawische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik in den heutigen Grenzen Transnistriens und einem Teil der heutigen Ukraine. 1940, nach dem Stalin-Hitler-Pakt, wurde das Gebiet Moldaus Rumänien entrissen und die Moldawische Sozialistische Sowjetrepublik gegründet, die beiderseits des Nistru lag. 

Während des halben Jahrhunderts als Sowjetrepublik war in Tiraspol von Separatismus keine Spur. Im Gegenteil, das rechtsnistrische Moldau wurde aktiv russifiziert, es gab drei Deportationswellen nach Sibirien, und zwar trafen die Verfolgungen nicht nur Moldauer und Rumänen, sondern auch Gagausen, Ukrainer und Russen: Die 13 Jahre des Stalinismus waren für Moldau eine internationale Zeit. 

Doch kehren wir zu den dreißigjährigen Verhandlungen zurück. Warum kristallisiert sich keine politische Entscheidung heraus? Aus drei Gründen. 

Erstens: Das Problem der Beilegung des Transnistrien-Konflikts steht nicht auf der Prioritätenliste der moldauischen Wählerschaft. Sie steht irgendwo auf Platz zehn oder noch weiter unten. 

Zweitens: Der Konflikt hat zu einer auffallend effektiven Verflechtung korrupter Geschäfte zwischen Chișinău und Tiraspol geführt. Der Status Transnistriens als nicht anerkanntem Staat und die Nähe zum Hafen von Odessa eröffnen viele Möglichkeiten für allerlei profitable Geschäfte. 

Drittens, und das ist der wichtigste Grund: das Desinteresse Russlands. Warum sollte Moskau sein Druckmittel, seinen militärischen Brückenkopf, die loyale russlandfreundliche Bevölkerung verlieren wollen; kurzum, warum sollte es den Konflikt beilegen? Dabei hat Russland schon immer betont, es befürworte eine friedliche politische Lösung innerhalb der international anerkannten Grenzen der Republik Moldau. Immer! 

Für die Verhandlungen sind die Teilnehmer der Fünf-plus-Zwei-Gespräche, das moldauische Reintegrationsbüro und der politische Vertreter von Tiraspol zuständig. Der 20. Februar 2022 ist der 20. Jahrestag der „Ständigen Konferenz für politische Angelegenheiten im Rahmen des Verhandlungsprozesses zur Beilegung der Transnistrien-Frage“. Moldau und Transnistrien sind im Fünf-plus-Zwei-Gespräch die Konfliktparteien, Russland, die Ukraine und die OSZE sind Vermittler und die EU und die USA sind Beobachter. 

Aber die Fünf-plus-Zwei-Gespräche funktionieren schon seit ca. drei Jahren nicht mehr. Obwohl, offen gesagt, auch früher die monatelangen Verhandlungen über das Anberaumen von Treffen mal in Wien, mal in Rom, mal in einer anderen europäischen Hauptstadt den moldauischen Medien keine Sensationen bescherten. Jawohl, man habe sich getroffen, ja, man habe Kaffee getrunken, ja, man habe sein Bekenntnis zum ausschließlich friedlichen Konfliktbeilegungsverfahren bekräftigt, und damit hat es sich. Ja, natürlich ist es besser, sich zu treffen und zu kommunizieren. Aber wenn nicht, ist das auch in Ordnung, zumal ein Treffen im Fünf-plus-Zwei-Gespräche nach dem 24. Februar geradezu wie ein Phantasiebild erscheint. Worüber sollten denn ukrainische und russische „Vermittler“ angesichts des Krieges und der regelmäßig eingebrachten „Pläne Putins“ für einen Korridor nach Transnistrien noch sprechen? 

In Chișinău ist man sich dessen durchaus bewusst und spricht bereits von der Notwendigkeit einer Reform des Fünf-plus-Zwei-Gesprächsformats. Und tief im Inneren hofft man auf das Entstehen eines „geopolitischen Fensters der Möglichkeiten“: Wenn Putin einmal Lust bekommt, den Transnistrien-Konflikt beispielsweise gegen die Krim einzutauschen, und der Westen das nicht verpasst, Chișinău aber zeitig einen tragfähigen Lösungsvorschlag ausarbeitet und unterbreitet, – dann könnte sich was ändern. Tiraspol würde nämlich alles, wozu Moskau Ja sagt, unterschreiben. Denn dieses Relikt der postsowjetischen „russischen Welt“ hat bereits die Hälfte seiner Bevölkerung verloren: Junge Leute fliehen aus Transnistrien nach Russland, nach Europa, nach Moldau, wohin auch immer. So etwas wie Wohlstand konnte sich während der dreißig Jahre (trotz dem kostenlosen Gas und den korruptionsbedingten Waren- und Geldströmen) nur ein sehr begrenzter Kreis von Personen aus der Führungsschicht verschaffen.

Man kann sich auch an andere Konfliktbeilegungsversuche erinnern: 1997 erschien ein „Memorandum über die Grundsätze der Normalisierung der Beziehungen zwischen der Republik Moldau und Transnistrien“ – das sogenannte „Primakow-Memorandum“. Es wurde in Moskau vom moldauischen Präsidenten Petru Lucinschi und dem transnistrischen Staatsoberhaupt Igor Smirnow (unter Vermittlung der Russischen Föderation, der Ukraine und der OSZE) unterzeichnet. Es wurde beschlossen, die Verhandlungen fortzusetzen. 

Im Jahr 2003 legte der diplomatische Pendler und Sondergesandte des russländischen Präsidenten, Dmitri Kozak, einen neuen Beilegungsplan vor, der eine asymmetrische Föderalisierung, ein Zweikammerparlament und ein Vetorecht Tiraspols sowie die Beibehaltung der russländischen Truppen auf moldauischem Hoheitsgebiet vorsah. 

Der Entwurf wurde vom moldauischen Präsidenten Wladimir Woronin und dem transnistrischen Anführer Igor Smirnow paraphiert, und Putins Limousine wurde bereits nach Chișinău eingeflogen, denn eine „endgültige Einigung“ war für den nächsten Morgen geplant. Aber daraus wurde nichts: Nach dem Besuch der US-Botschafterin Heather Hedges rief Woronin den russländischen Präsidenten an und versuchte, um Entschuldigung zu bitten. Das gelang ihm nicht. Die Beziehungen waren für immer gestört, obwohl es dabei auch eine Art Glück im Unglück gab, denn anschließend erklärte dieser sonst prorussländische kommunistische Präsident die europäische Integration zum strategischen Kurs der Republik Moldau. 

Im Jahr 2004 tauchte überraschend der russländische Politologe Stanislaw Belkowski in der Geschichte um die Beilegung des Transnistrien-Konflikts auf. Er präsentierte den extravaganten Vorschlag, von einer Zwangsvereinigung von Transnistrien und der Republik Moldau abzusehen, Transnistrien das Recht auf Selbstbestimmung zuzugestehen und Moldau – und das war das Wichtigste! – mit Rumänien zu vereinigen.

Im Jahr 2005 entwickelte das offizielle Kiew den sogenannten „Juschtschenko-Plan“. Transnistrien sollte gemäß diesem Plan ein autonomes Gebiet werden. Außerdem wurde vorgeschlagen, die Friedenstruppen durch eine internationale Gruppe von zivilen und militärischen Beobachtern zu ersetzen. 

Im Jahr 2010 diskutierten die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russländische Präsident Dmitrij Medwedew über den Transnistrien-Konflikt im deutschen Meseberg. Sie kamen überein, „eine Lösung schleuniger herbeizuführen“. Aber das wichtigste Ergebnis des Meseberg-Abkommens war die Wiederaufnahme der Verhandlungen nach einer sechsjährigen Unterbrechung.

Dann kam ein Jahrzehnt der so genannten kleinen Schritte. Chișinău und Tiraspol versuchten, die dringenden Probleme der Bevölkerung zu lösen und die politischen Fragen auf später zu verschieben. 

Einige der Probleme wurden gelöst, auch wenn die Seiten die Vereinbarungen auf sehr unterschiedliche Weise kommentierten. Tiraspol beklagte sich ständig über Wirtschaftsblockaden und Druck, während Chișinău der Ansicht war, das rechtsnistrische Moldau hätte sich vor den Karren der linksnistrischen Separatisten spannen lassen und seine Positionen aufgegeben, ohne eine Gegenleistung zu erhalten, was die Lösung des Konflikts und die Wiedervereinigung des Landes keinen Millimeter voranbringen würde.

Der frühere Präsident der Republik Moldau, Igor Dodon, traf sich sieben Mal mit dem derzeitigen Regierungschef von Tiraspol, Wadim Krasnoselski, unter anderem in Moskau, doch nennenswerte Übereinkünfte wurden keine erreicht. Heute hat Moldau einen neuen Präsidenten, eine neue Regierungspartei „Aktion und Solidarität“, es ist ein neuer für Reintegration zuständiger Vize-Ministerpräsident, Oleg Serebrjan, ernannt worden – aber es gibt keine Verhandlungen. 

Chișinău und Tiraspol befinden sich übrigens in einer gegenseitigen Pattsituation, die die Möglichkeit einer politischen Lösung blockiert. Das kommunistische Parlament der Republik Moldau hat nämlich 2005 das Gesetz „Über die grundlegenden Bestimmungen des besonderen Rechtsstatus von Transnistrien“ verabschiedet. Tiraspol aber lehnte dieses Gesetz kategorisch ab, woraufhin 2006 in Transnistrien ein Referendum abgehalten wurde, bei dem sich 98 % der Abstimmenden für die Unabhängigkeit und eine eventuelle Vereinigung mit Russland aussprachen.

Und? Was soll man da tun?

Ein letzter Punkt: selbst eine marginale Geopolitik beruht auf Geld. Über die wirtschaftlichen Aspekte des Transnistrien-Konflikts wird im nächsten Artikel berichtet.

Cover-Illustration: Rongvold

Der separatistische Punktestand oder wie Russland Moldau dazu brachte, Transnistrien zu finanzieren

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wusste niemand so recht, was Separatismus eigentlich bedeutet. Das erste separatistische Projekt im postsowjetischen Raum war Transnistrien, das Russland 1992 in der Republik Moldau “gründete“. Hatte man in Moskau etwa Angst vor einem märchenhaften Beitritt Moldaus in die NATO? Aber nein, warum auch, alles ist viel einfacher: Transnistrien ist für Moldau nur ein russischer Haken, ein Hebel, ein fundamentaler Faktor, ein Aufhänger für Verhandlungen und ständigen Ärger. 

Auf der menschlichen Ebene gibt es heute keine Konflikte. Aus Moldau reist man nach Transnistrien und umgekehrt, man unterhält freundschaftliche Kontakte miteinander. Dennoch knurrt die Russische Föderation aufgrund ihrer globalpolitischen Fantasien manchmal Chișinău an und droht ihr mit dem Finger: Es gebe in Transnistrien russische Staatsbürger, Russland werde sie beschützen und sie nicht im Stich lassen. Russland habe dort mehr als fünfzehnhundert seiner Soldaten, das größte Waffenlager Osteuropas und „historische Verbindungen“, die bis ins 18. Jahrhundert zu General Suworow zurückreichen. 

Die Strategie des Kremls, in ehemaligen Sowjetrepubliken separatistische Haken zu implementieren, wurde in Moldau das erste mal eingesetzt. Die Exklave Transnistrien unterscheidet sich dabei grundlegend von den “Kuckuckseistaaten”, die Georgien und der Ukraine als Überraschungen ins Nest gelegt wurden, denn trotz all dem Gerede vom Schutz seiner Staatsbürger wiederholte Russland immer wieder sein Mantra gegenüber der Republik Moldau, der OSZE, den Vereinten Nationen, der EU und den USA: Man sei dafür, den Transnistrien-Konflikt ausschließlich mit friedlichen Mitteln, auf der Grundlage der territorialen Integrität und Souveränität der Republik Moldau und innerhalb international anerkannter Grenzen beizulegen, bla-bla-bla. Das könnte man getrost als Schönfärberei bezeichnen. 

Nach dem Dnjestr-Krieg von 1992 unterzeichnete der moldauische Präsident Mircea Snegur in Moskau ein Friedensabkommen mit dem russischen Präsidenten Boris Jelzin. Einerseits ist auch ein schlechter Frieden zweifellos besser als jeder Krieg. Andererseits hat Snegur, ohne den Text des Abkommens genau gelesen oder verstanden zu haben, der Bildung einer russischen Exklave in seinem Land zugestimmt.

Seit dreißig Jahren existiert nun dieser international nicht anerkannte “Staat”, die Transnistrische Moldauische Republik, die diplomatische Beziehungen zu Ländern wie Abchasien und der Volksrepublik Donezk unterhält. Seit dreißig Jahren funktioniert in der winzigen Republik Moldau dieser wundersame Co-Staat. 

Wie teuer kommt er seinen Eigentümer und Sponsor zu stehen? Gar nicht teuer. Er ist sogar äußerst profitabel für die Kreml-Clique.

Um die Region Transnistrien mit Geld zu versorgen, hat sich Russland einige Tricks ausgedacht. So erhalten die Rentner hier eine monatliche Zulage von zehn US-Dollar, und zwar dauerhaft, über viele Jahre hinweg. Die Summe ist, gelinde gesagt, nicht riesig, aber sie ist wichtig für die sozial Schwächsten, sie nützt ihnen und wird von ihnen geschätzt – und wirkt als permanente Werbung: „Danke, Mütterchen Russland, was wären wir ohne dich“.

Direkte Subventionen aus Moskau betragen fünf bis zehn Prozent des transnistrischen Staatsetats. In einem Wahljahr gibt es etwas mehr Geld, sonst etwas weniger, sorry, Pech gehabt.

Manchmal stellt der große Bruder im Kreml Geld für bestimmte Projekte zur Verfügung. Damit brüstete Dmitri Rogosin sich gerne, als er für Transnistrien zuständig war. Sein Hauptverdienst um die Region war, dass er etwa 15 Millionen US-Dollar dorthin mitbrachte. Nicht gerade üppig, aber die Tatsache selbst zählt. Das Geld floss in die Finanzierung von Straßen, Schulen, Krankenhäusern, Kindergärten. Sie werden lachen, aber die transnistrischen Behörden haben Rogosin geradezu angefleht, ihnen ja kein neues Krankenhaus zu bauen. Abgesehen davon, dass dessen Unterhalt zu kostspielig wäre, der wichtigste Grund war, dass es dort keine Fachkräfte gibt, die in diesem Krankenhaus arbeiten könnten. 

Die wichtigste Säule des transnistrischen Haushalts ist die Firma Sheriff, das einzige Unternehmen in der Region, ein Monopolist. Es verdient sein Geld sowohl mit Handel als auch mit Schmuggel. Zu seinen Aktivposten gehören das komplette Benzin und alle Tabakwaren in Transnistrien sowie Hotels und Medien, kurz zu sagen, fast alles, was man sich vorstellen kann. Mitgesellschafter von Sheriff ist der mittlerweile 80-jährige Igor Smirnow, der Gründungsvater des transnistrischen Separatismus; der zweite Anführer Transnistriens, Jewgeni Schewtschuk, ist ehemaliger stellvertretender Leiter von Sheriff; der derzeitige „Präsident“ Wadim Krasnoselskij ist ehemaliger Leiter von Interdnestrkom, Sheriffs Telekommunikations-Tochter mit Monopolstellungen im Bereich der Mobil- und Festnetztelefonie, der Internetzugangsdienstleistungen und des Fernsehens. Darüber hinaus nahm Krasnoselskij fünf Jahre lang die Belange der transnistrischen Oligarchen gegenüber der Regierung wahr, indem er das Amt des Innenministers innehatte. 

Bis vor kurzem funktionierte der Import von Waren aus Odessa perfekt, und überhaupt florierte entlang des ganzen, fast fünfhundert Kilometer langen Grenzabschnitts, der nicht von den moldauischen Behörden kontrolliert wird, reger Handel mit Spirituosen, Zigaretten, Anabolika usw. Doch im Februar 2022 brach der Krieg aus. Die Ukraine schloss ihre drei Grenzübergänge, so dass nun zum Leidwesen der transnistrischen Führung der gesamte Außenhandel der Republik über Chișinău abgewickelt werden muss.

Das zweitewichtigste Unternehmen in Transnistrien sind die ММZ, die Moldauischen Metallwerke,  sowohl von der Größe als auch vom weltweiten Absatz her ein Riese. Das Werk hat schon ein Dutzend Besitzer erlebt – von Alischer Usmanow bis Inter RАО. Es bringt Tiraspol einen Großteil der Haushaltseinnahmen – ein Huhn, das nicht goldene, sondern diamantene Eier legt.

Zudem ließ sich vor vier Jahren Tschajka der Jüngere in der Region nieder. Er flüsterte den richtigen Leuten etwas zu, und siehe da, es schossen Kryptominen wie Pilze aus dem Boden, die mit fast kostenlosem Strom arbeiten. Wie rentabel das Geschäft ist, weiß man nicht, denn es ist alles andere als transparent, doch laut gut unterrichteten Quellen soll das eine Goldgrube sein.

Woher bekommt Transnistrien seinen billigen Strom? Nun, da gibt es das Kraftwerk MoldGRES in Cuciurgan, an dem Inter RAO 100% der Anteile hält. Es versorgt auch fast die gesamte Republik Moldau mit Strom. Die Regierung in Chișinău schließt mit ihm jedes Jahr einen Liefervertrag ab. Der Ertrag aus diesen Stromlieferungen macht bis zu einem Viertel aller externen Haushaltseinnahmen von Transnistrien aus. Der Strom aber wird mit Erdgas erzeugt. Und was es mit dem Erdgas auf sich hat, ist eine faszinierende Geschichte. 

Transnistrien sitzt buchstäblich auf einer Gasleitung: Die Pipeline aus der Ukraine führt durch die Region. 1992 drehte Transnistrien neun Monate lang den Hahn zu, und in der moldauischen Hauptstadt musste man den Tee für das Frühstück und die Marmelade für den Winter auf Lagerfeuern kochen. Doch solche Mätzchen gehören schon lange der Vergangenheit an. Heute ist es profitabler, auf andere Weise zu handeln. Das Unternehmen Moldovagaz ist, wenn man nicht zu sehr in die Details der Funktionsweise dieser Aktiengesellschaft gehen will, für die gesamte Gasversorgung und für die Gasnetze zuständig. Die goldene Aktie und damit die Mehrheitsbeteiligung liegt bei Gazprom. Transnistrien verfügt über etwa 13 Prozent, die Gazprom zur Verwaltung überlassen wurden. Die Regierung in Chișinău besitzt 35 Prozent der Aktien – zu wenig, um sich viel herausnehmen zu können. Moldovagaz schließt immer wieder Verträge mit Gazprom ab. So wurde im Herbst 2021 ein Fünfjahresvertrag unterzeichnet.

Aber – man höre und staune – die gesamte von Transnistrien verbrauchte Erdgasmenge muss von der Regierung in Tiraspol nicht bezahlt werden. Gazprom subventioniert seit dreißig Jahren den Außenposten des Kremls am Dnjestr.

Freilich bezahlen die transnistrischen Verbraucher, private wie gewerbliche, ihre Gasrechnungen, aber das Geld bleibt in der transnistrischen Staatskasse. Seit dreißig Jahren wurde kein einziger Rubel an Gazprom überwiesen. Die Schulden haben sich auf rund acht Milliarden US-Dollar summiert. 

Technisch gesehen sind diese Schulden bei der Firma Moldovagaz entstanden. Wenn man bedenkt, dass Gazprom die Mehrheitsbeteiligung besitzt, stellt sich heraus, dass Gazprom sich selbst etwas schuldet. Die Republik Moldau weigert sich rundheraus, sich als Schuldnerin anzuerkennen. 

Die Kryptominen und die Metallwerke funktionieren also dank des praktisch kostenlos zur Verfügung gestellten Gases, mit dem MoldGRES Strom erzeugt. Und der Strom, das darf man nicht vergessen, wird auch noch an die Republik Moldau verkauft. So läuft es darauf hinaus, ob man es zugibt oder nicht, dass Moldau fast ein Drittel der Haushaltseinnahmen Transnistriens finanziert. 

Noch einmal: Gazprom liefert etwa drei Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr, Transnistrien verbraucht 1,9 Milliarden; Transnistrien zahlt nichts an Gazprom, sondern kassiert von den Verbrauchern Geld für Gas, verhüttet Metall bei MMZ und erzeugt Strom, den es dann an Moldau verkauft. Ein brillantes Geschäftsmodell. 

Dabei ist die Energiesicherheit Moldaus natürlich äußerst prekär, denn das brillante russisch-transnistrische Gaslieferungsystem wurde bis vor kurzem auch noch durch korrupte Beamte in Chișinău und grenzüberschreitend agierende Diebe ergänzt, mit denen man Abmachungen treffen musste. Kurz gesagt, eine gut funktionierende transnistrisch-moldauische Korruptionswirtschaft, die mit ukrainischen Partnern koordiniert wird und Millionen von Euro einbringt.

Das Zusammenspiel von historischen Faktoren, Schlamperei und Mauschelei hat erstaunlicherweise dazu geführt, dass der Staatsetat der separatistischen Region am Dnjestr von Moldau finanziert wird. 

Und was ist mit Gazprom? Seine russische Führung reibt der Republik Moldau ständig diese siebenhundert Millionen Dollar historischer Schulden unter die Nase: Man sei keine Wohltätigkeitsorganisation, wo bleibe denn das Geld? Die fast acht Milliarden Dollar aus den letzten drei Jahrzehnten seien halt Unkosten, die habe man ja immer. 

Andererseits ist Transnistrien das ruhigste und vernünftigste separatistische Projekt des Kremls. Abchasien und Südossetien hat er Georgien ganz abgebissen, und was in der Ukraine los ist, weiß jeder. In Transnistrien hingegen läuft alles nach dem Motto „Solange wir an euch verdienen, lassen wir euch in Ruhe“. Ja, wir feiern hier den 9. Mai, wir sind für die russische Sprache, für „orthodoxe Traditionen“ und bewegen uns auch sonst im Fahrwasser des Kremls. Aber bitte keine Übertreibungen: mit Blick auf die Ereignisse in der Ukraine betont die Regierung in Tiraspol stets, man könne keinen Krieg brauchen, man sei für den Frieden. Und die Heerscharen von Experten behaupten seit Jahren, dass das transnistrische Problem im Vergleich zu den anderen am leichtesten zu lösen sei. Was hindert Sie denn daran, es zu lösen, meine Herren? Darüber sprechen wir im nächsten Artikel.

Illustration: Maria Pokrovskaya

Krieg in der Ukraine (Interview mit Dr. Anneli Ute Gabanyi)

Dr. Anneli Ute Gabanyi (Politikwissenschaftlerin) beantwortet unsere Fragen.

NΞΤ_Schrift: Was passiert jetzt in der Ukraine?

00:00 — 01:15

 


NΞΤ_Schrift: Wo liegen die Gründe für das, was jetzt geschieht?

01:16 — 11:25

 


NΞΤ_Schrift: War es möglich, die Situation zu prognostizieren, und wenn ja, ab welchem Zeitpunkt?

11:26 — 13:28

 


NΞΤ_Schrift: Ist das, was hier geschieht, Kalkül und Plan oder Dummheit und Psychopathie?

13:29 — 14:46

 


NΞΤ_Schrift: Wie beurteilen Sie die Position Deutschlands in dieser Situation?

14:47 — 26:42

 


NΞΤ_Schrift: Was hat sich in Ihrer Wahrnehmung der politischen Situation seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine geändert?

26:43 — 29:11

 


NΞΤ_Schrift: Was wäre Ihre Prognose für die Zukunft?

29:12 — 31:20

 


NΞΤ_Schrift: Was halten Sie von anderen potenziellen Gefahrenherden, wie, zum Beispiel, der Region Transnistrien?

31:21 — 33:52

 


NΞΤ_Schrift: Was wäre Ihre Prognose für die Zukunft?

31:21 — 33:52