Schlagwort: Flüchtlinge

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UMFRAGE: Solidarität und Empathie — Ungerecht verteilt?

Willkommenskultur wird in Deutschland sehr gepflegt, aber unterschiedlich geäußert, abhängig davon, woher die Flüchtlinge kommen. 

Am 4.03.2022 hat die EU die Richtlinie über vorübergehenden Schutz zum ersten Mal aktiviert, seitdem sie in 2001 erlassen wurde. Das heißt, dass Flüchtlinge aus der Ukraine in der gesamten EU sofort eine Aufenthaltsgenehmigung, die Möglichkeit zu arbeiten und eine Wohnung zu finden, Sozialleistungen und medizinische Versorgung bekommen können, ohne das Asylverfahren durchzugehen. 

Seit dem 24 Februar engagiert sich die Bevölkerung sehr für die Flüchtlinge aus der Ukraine – Tausende von Menschen kamen zu den großen Bahnhöfen, um ehrenamtlich die Flüchtlinge zu empfangen und ihnen die erste Unterstützung zu leisten. Es gab eine große Bereitschaft, dass es Telegram-Chats und Internet-Portale geschaffen wurden, um Sach- und Geldspenden zu organisieren und um die Bürger, die eine Unterkunftsmöglichkeit haben, mit den Flüchtlingen zu verbinden. Wie erklärt man aber diese plötzliche Solidarität für Flüchtlinge?

Albert Scherr, Leiter des Instituts für Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, hat eine Erklärung dafür, warum Ukrainer mehr willkommen geheißen werden, also Flüchtlinge anderer Nationalitäten. Seiner Meinung nach, bedrohe der Krieg nicht nur die Bewohner der Ukraine, sondern auch „unsere Werte und politische Ordnung“. Außerdem meint er, dass viele der Bewohner Deutschlands die Ukrainer auch als Europäer ansehen — man merkt die kulturelle und religiöse Ähnlichkeiten. Scherr, der seit Jahrzehnten Migration, Diskriminierung und Rassismus forscht, sagt, dass „deswegen die Deutschen eine andere Verantwortung den Ukrainern gegenüber fühlen, als zum Beispiel Afrikanern“. 

„Flüchtlinge aus der Ukraine werden als unschuldige Opfer eines Kriegs wahrgenommen, der von einem gefährlichen und irrationalen Tyrannen angefangen wurde,“ – erklärt Scherr. Deswegen entsteht die Idee, dass ukrainische Geflüchtete möglichst viel Mitgefühl und Hilfe verdienen. Zusätzlich sind 80% der Geflüchteten Frauen und 40% Minderjährige, was sie „in keine Weise als bedrohlich dargestellt werden lässt“. Im Gegenteil kamen bei den letzten Flüchtlingswellen aus Afrika, Syrien und aus dem Nahen Osten hauptsächlich junge Männer. Wegen der kölnischen Silvesternacht im Jahr 2015, an der es Massenangriffe gegen Frauen gab, kamen viele Vorurteile auf. Nach der Nacht wurden über 1000 sexuelle Belästigungen und Diebstähle angezeigt. Demzufolge entstand in dem gesellschaftlichen Bewusstsein das Bild eines bedrohlichen jungen Flüchtlings, der sich auf keinen Fall gesellschaftlich integrieren will. Die ukrainischen Flüchtlinge passen in dieses Bild nicht rein.

Wir haben Leute in Berlin darüber befragt, wie sie die ungerecht Verteilte Solidarität erklären würden.