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Еin halbes Jahr nach Kriegsbeginn. Gasan Gusejnov: was eigentlich die Zerstörung des letzten Reiches auf dem Territorium Europas bedeutet

Uns interessiert, was könnte man in diesen sechs Monaten seit Beginn des Krieges Neues, vielleicht Unerwartetes, über Deutschland, Europa, über die westliche Welt insgesamt — und über Russland erfahren.

Prof. Dr. Gasan Gusejnov (Altphilologe, Kulturhistoriker, Brīvā universitāte, Lettland) beantwortet unsere Fragen.

 

Netschrift: Was haben Sie in den letzten sechs Monaten seit Beginn des Krieges Neues, vielleicht Unerwartetes, über Deutschland, Europa, über die westliche Welt insgesamt herausgefunden?

Gasan Gusejnov: Seit dem 24. Februar 2022 haben wir alle viel Neues erfahren. Über Deutschland, über Russland, über unsere eigene Vorstellung von dem, was wir erlebt haben in den letzten Jahrzehnten. Das war eine Zäsur für die lange Zeit und da muss man sagen, auch das erste, was ich erfahren habe, ist wie wenig ich das Jahr 2014 verstanden habe und wie wenig oder wie falsch ich die Ereignisse des Jahres 2008 eingeschätzt hatte, damals noch. Europa, das heißt viele Politiker, die meisten Politiker und Politikerinnen in Europa haben in diesem Jahr verstanden, was eigentlich die Zerstörung des letzten Reiches auf dem Territorium Europas bedeutet. Viele haben verstanden etwas sehr, sehr Wichtiges, was viele seit dem Jahr 1917 nicht richtig eingeschätzt haben, nämlich den Zerfall des Russischen Reiches. Ich will jetzt keine Worte verwenden wie Barbarei oder Ähnliches. Es geht nicht um Barbarei oder um Zivilisation.

Es geht um Folgen der Zerstörung des Reiches, des Zusammenbruchs des Reiches. Das ist das Erste und das Wichtigste.

Viele haben verstanden, dass die Folgen sehr schwierig sind, dass Ukraine vielleicht das letzte Land ist, das diesen Zerfall jetzt an eigener Haut erlebt. Aber viele ganz normale, einfache Menschen haben verstanden, dass etwas Böses kann auch ihnen passieren. Und diese Angst, diese enorme Angst oder Verständnis von dieser eigenen Angst das ist das Wichtigste, was ich in Europa gesehen habe. Früher gab es so was nicht. Es war nicht während des Jugoslawienkrieges. Es war nicht wegen Irak- oder Syrienkrise. Aber jetzt ist es ganz, ganz klar.

Nicht alle in Europa haben es verstanden, aber viele haben es verstanden. 

Netschrift: Was haben Sie in den letzten sechs Monaten seit Beginn des Krieges über Russland erfahren?

Gasan Gusejnov: Was Russland angeht, ich habe selber viele Jahre darüber auch geschrieben. Und dieses Land und die Sprache, die Kultur, die Denkkonstruktionen, Diskurse Russlands so erforscht und einiges war mir klar. Ich habe einfach gesehen die Eröffnung der Box, sozusagen, die Eröffnung des geheimen Depots, wo das alles lag. Und da gab es nichts Neues. Ich muss ehrlich sagen. Ich habe nur eine Verzweiflung, vielleicht war neu in dieser Form — das Gefühl, verletzt zu sein, gekränktelt zu sein.

Dieser Hass, dem Westen gegenüber, Ukraine gegenüber, den eigenen Leuten gegenüber.

Das hat mich nicht überrascht, aber geschockt. Ich habe nicht erwartet, dass das in diesem Ausmaß ist. Ich habe Dichterinnenhass gelesen, die letzte Zeit. Ich wusste nicht, dass so was existiert, der Hass und vergiftete Denkweisen. Sie existieren doch und sie sind sehr, sehr tief in dieser Gesellschaft verankert. Es tut mir wirklich furchtbar leid für alle Russinnen und Russen, vor allem Russinnen, die das auch sehen im Lande, die bleiben in der Provinz, in Moskau, in Leningrad. Ich will hier nicht das Wort Sankt Petersburg benutzen, in dem Fall, weil das ist offensichtlich diese Leningrader Tradition. Also in allen diesen Städten sitzen viele, viele Frauen, Mütter und Großmütter und alleinlebende Frauen. Und die sind ohnmächtig. Diesem Hass gegenüber den patriarchalen Wahn. Der das Land jetzt überrollt. Und ja, die, für die habe ich Mitleid. Grenzenloses Mitleid.

Selenskyj: „Die wichtigsten Sanktionen sind es, die Grenzen zu schließen“

Washington/Kiew (dpa) – Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert einen internationalen Reisebann für alle Russen, um Moskau von einer Annexion besetzter Gebiete abzuhalten. «Die wichtigsten Sanktionen sind es, die Grenzen zu schließen, denn die Russen nehmen anderen ihr Land weg», sagte er der US-Zeitung «Washington Post» in einem Interview vom Montag. Die Russen sollten «in ihrer eigenen Welt leben, bis sie ihre Philosophie ändern».

Im russisch besetzten Teil des südukrainischen Gebiets Saporischschja wurde am Montag ein Referendum über einen Beitritt zur Russischen Förderation angekündigt. Ähnliche Pläne gibt es für das besetzte Gebiet Cherson.

Selenskyjs Äußerungen stoßen auch auf eine wachsende Diskussion in der EU, die Erteilung von Touristenvisa an Russen zu erschweren oder ganz einzustellen. Auch wenn der Reiseverkehr durch gekappte Flug- und Bahnverbindungen erschwert ist, sind doch im Sommer viele Russen trotz Krieges in die EU gereist. Russlands Nachbar Lettland im Baltikum hat bereits die Visa-Bestimmungen verschärft. Finnland erwägt dies, fordert aber eine Lösung für den ganzen Schengen-Raum.

Nach Russlands Krieg gegen die Ukraine sollte es weder einen schwelenden noch einen eingefrorenen Konflikt geben, sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache. «Die Ukraine muss alles zurückbekommen, was Russland vorübergehend besetzt hat.» Nur eine offensichtliche Niederlage des Angreifers sei ein Schutz vor einem weiteren Krieg, sagte der ukrainische Präsident in Kiew.

Cover-Illustration: Telegram von Selenskyj