Putin befiehlt Raketenangriffe auf Ukraine: Tote und Verletzte

10.10.2022

Von André Ballin, Hannah Wagner, Wolfgang Jung und Ulf Mauder, dpa

Viele Menschen sind gerade auf dem Weg zur Arbeit, als die russischen Raketen einschlagen. Der Kremlchef zieht seine bisher folgenreichste Operation im Ukraine-Krieg durch. Einige sehen in ihr ein neues Zeichen für Putins Verzweiflung nach Monaten ohne echte Erfolge.

Mit tödlichen Angriffen Dutzender russischer Raketen auf die Ukraine hat Kremlchef Wladimir Putin auf die Explosion auf der Krim-Brücke reagiert. Bei der massenhaften und bisher beispiellosen Bombardierung der ukrainischen Hauptstadt Kiew und anderer Städte in dem seit fast acht Monaten mit Krieg überzogenen Land starben mindestens elf Menschen, mehr als 80 wurden verletzt. Von einem «Akt des Terrors» sprach der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj.

Viele Menschen in Kiew und anderen Städten waren am Montagmorgen auf dem Weg zu Arbeit, als die Raketen einschlugen, Straßen und Häuser zerstörten und auch Autos in Brand setzten. Landesweit gab es Luftalarm. Das Entsetzen in der Ukraine und weltweit war groß.

«Die ganze Welt sah nun wieder das wahre Gesicht eines Terrorstaates, der unsere Menschen tötet», sagte Selenskyj. Russland kämpfe nicht auf dem Schlachtfeld, sondern greife friedliche Städte mit Raketen an. Putin versuche, die Ukraine als Staat zu vernichten. Der Präsident forderte in Gesprächen mit westlichen Staats- und Regierungschefs unter dem Eindruck der Angriffe noch mehr schwere Waffen, um die Ukraine von dem russischen Aggressor zu befreien.

Putin nannte den Angriff eine Reaktion auf die «Terroranschläge» gegen russisches Gebiet. Am Samstag hatte eine Explosion die 19 Kilometer lange Brücke erschüttert, die Russland und die 2014 von Moskau annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim verbindet. Putin machte am Sonntag den ukrainischen Geheimdienst SBU dafür verantwortlich.

Bundesregierung sichert Ukraine Unterstützung zu

Die Bundesregierung und viele andere Staaten sicherten der Ukraine neue Unterstützung zu. Kanzler Olaf Scholz (SPD) telefonierte nach dem Angriff mit Selenskyj und versprach die Solidarität Deutschlands und der anderen G7-Staaten.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter: «Wir tun alles, um die ukrainische Luftverteidigung schnell zu verstärken.» Mit Blick auf das russische Raketenfeuer von Menschen in Todesangst im Kiewer Morgenverkehr und einem Einschlagskrater neben einem Spielplatz betonte sie: «Es ist niederträchtig und durch nichts zu rechtfertigen, dass Putin Großstädte und Zivilisten mit Raketen beschießt.»

Insgesamt feuerte Russland mehr als 80 Raketen auf ukrainische Städte ab. Allein in Kiew kamen nach Angaben von Bürgermeister Witali Klitschko 5 Menschen ums Leben, 52 wurden verletzt. Betroffen waren unter anderem auch die Städte Dnipro, Saporischschja und Krywyj Rih im Osten sowie Lwiw, Chemelnyzkyj und Schyytomyr im Westen oder Mykolajiw im Süden des Landes.

Der Militärgouverneur der Region Dnipropetrowsk, Walentyn Resnitschenko, sprach von einem «massiven Raketenangriff auf das Gebiet» und klagte über Tote und Verletzte. In vielen Regionen ist der Strom, in einigen die Heizung und die Wasserversorgung ausgefallen. In Kiew schlugen die Geschosse laut Bürgermeister Klitschko im Zentrum ein. Erst nach mehr als fünfeinhalb Stunden wurde der Luftalarm in der Hauptstadt aufgehoben.

Russischer Präsident droht mit noch härterem Vorgehen

Ziele der Präzisionswaffen seien die Energieinfrastruktur, militärische Anlagen und das Fernmeldewesen gewesen, sagte Putin bei einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrates. Der 70-Jährige drohte mit noch härterem Vorgehen. «Daran sollte niemand irgendwelche Zweifel haben.» Abgefeuert worden waren die Raketen vom Schwarzen Meer, von Bombern der Luftstreitkräfte und vom Boden.

Der ukrainische Geheimdienst SBU hat eine Beteiligung an der Explosion auf der Krim-Brücke nicht eingeräumt, machte sich am Samstag aber lustig über das brennende Bauwerk, das ein Herzensprojekt Putins ist. Schon am Sonntagabend drohte Putins Vertrauter, Ex-Präsident Dmitri Medwedew, mit einen Schlag. Die SBU-Zentrale liegt im Zentrum Kiews. Moskau hatte wiederholt gedroht, Kommandostellen in der ukrainischen Hauptstadt zu beschießen, wenn der Beschuss russischen Gebiets nicht aufhöre.

Medwedew meinte am Montag, dass dies erst der Anfang sei. «Die erste Episode ist vorbei. Es wird weitere geben», schrieb der Vizechef des Sicherheitsrats im Nachrichtendienst Telegram. Der ukrainische Staat sei in seiner jetzigen Form eine ständige Bedrohung für Russland. Deshalb müsse die politische Führung des Nachbarlands vollständig beseitigt werden.

Ukraine weist Putins Terrorvorwürfe kategorisch zurück

Die Ukraine machte einmal mehr deutlich, dass nicht sie Russland provoziere, sondern Moskau einen Krieg gegen das in die EU und Nato strebenden Land führe. «Nein, Putin wurde nicht von der Krim-Brücke zum Raketenterror „provoziert“», teilte Außenminister Dmytro Kuleba per Twitter mit. «Russland hatte die Ukraine auch vor der Brücke ständig mit Raketen getroffen. Putin ist verzweifelt wegen der Niederlagen auf dem Schlachtfeld und versucht mit Raketenterror, das Kriegstempo zu seinen Gunsten zu ändern.»

Die Brücke zur Krim ist auch als Nachschubroute für den russischen Angriffskrieg wichtig, weil von dort aus die Truppen im Süden der Ukraine im Gebiet Cherson und Saporischschja versorgt werden. Das Bauwerk hat zudem einen hohen symbolischen Wert für die Führung in Moskau. Sie ist aber auch Lebensader für die Menschen auf der Halbinsel, die elementare Dinge wie Lebensmittel und Treibstoff erhalten. Der Verkehr über die Brücke, die einen Eisenbahn- und einen Autobahnteil hat, lief am Montag wieder weitgehend.

Putin hatte den Angriff auf die Ukraine am 24. Februar befohlen. Der Krieg dauert nun bald acht Monate. Zugleich versuchte der Kremlchef die alleinige Verantwortung für das Blutvergießen von sich zu weisen. Er habe mit den Massenbombardements einen Vorschlag der Militärführung umgesetzt. Das Verteidigungsministerium stand bei Feldkommandeuren, kremlnahen Militärbloggern und Ultranationalen in der Kritik, zu zögerlich vorzugehen in der Ukraine.

Neuer Befehlshaber der russischen Truppen erstmals in Aktion

Zur Freude der radikalen Kräfte war auf Geheiß Putins am Samstag der Armeegeneral Sergej Surowikin eingesetzt worden. Der 55-Jahrige gilt als besonders brutal – und vor allem als Offizier mit breiter Erfahrung in Kriegen, darunter in Syrien und davor in der russischen Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus. Für Surowikin war der Montag mit den Bombardements der erste Arbeitstag auf neuem Posten.

Der «Held Russlands» soll für Putin die Wende bringen in dem Krieg nach vielen Erfolgen der ukrainischen Armee bei ihrer Verteidigungsoffensive und der Rückeroberung vieler Ortschaften. Die russische Armee hatte sich zuletzt aus dem Gebiet Charkiw zurückgezogen und musste auch die strategisch wichtige Stadt Lyman im Gebiet Luhansk aufgeben.

Dagegen setzt die Ukraine nun auf noch mehr Waffenlieferungen aus dem Westen. «Die beste Antwort auf den russischen Raketenterror ist die Lieferung von Flugabwehr- und Raketenabwehrsystemen an die Ukraine», betonte der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow. Russland halte Raketenangriffe für ein wirksames Mittel zur Einschüchterung. Das seien sie nicht. «Sie sind Kriegsverbrechen.»

Krieg weitet sich aus

Die Regierung der Republik Moldau beschuldigte Russland, bei den Raketenangriffen den moldauischen Luftraum verletzt zu haben. In Belarus kündigte Machthaber Alexander Lukaschenko die Bildung einer regionalen Militäreinheit der Streitkräfte des Landes mit der russischen Armee an. Dies habe er mit Putin vereinbart, sagte Lukaschenko, der schon zuvor seine Militärbasen den russischen Streitkräften zur Verfügung gestellt hatte. Die Ukraine sieht Belarus bereits als Kriegspartei.

Russische Experten sahen in dem Raketenfeuer ein neues Zeichen für Putins Verzweiflung und Ausweglosigkeit nach Monaten des Krieges ohne echte Erfolge. Der Kremlchef mache sich zur «Geisel der Situation» und seines kriegslüsternen Umfeldes, das um das eigene politische Überleben fürchte im Fall einer Niederlage, meinte die Politologin Tatjana Stanowaja. Der Experte Abbas Galljamow, der für Putin früher mal Reden schrieb, sprach von einer Schande für die Nation und einem «dummen Mord an Zivilisten». Der Politologe sagte: «Da ist keine Demonstration von Stärke, das ist eine Demonstration von Ohnmacht.»

Illustrationen: Генеральний штаб ЗСУ / General Staff of the Armed Forces of Ukraine

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