Heinrich Kirschbaum über den Krieg in der Ukraine: Nicht nur mit Geist dabei sein, sondern auch mit Körper

16.06.2022

Prof. Dr. Heinrich Kirschbaum, Professor für Slawische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Uni Freiburg beantwortet unsere Fragen.


NΞΤ_Schrift: Was passiert jetzt in der Ukraine?

0:00 — 0:20

Kirschbaum: Ein Krieg. Russen haben die Ukraine überfallen, befinden sich dort an mehreren Stellen, vergewaltigen und morden.


NΞΤ_Schrift: Wo liegen die Gründe für das, was jetzt geschieht?

0:21 — 2:21

Kirschbaum: Das ist eine gute Frage auch weil sie eine andere Frage beruht. Wieso das nicht vorher gesagt wurde, was geschieht? Oder wer hat das geahnt? Und wir sehen ein gewisses Versagen der Osteuropakunde der Analyse im Gegensatz zu Geheimdiensten, weil die haben es gewusst, und das ist gut so, das ist noch wichtiger als wenn die Wissenschaft etwas voraussagt, weil die haben dann auch entsprechend gehandelt. Aber ich glaube, niemand hat geahnt, dass es in dem Ausmaße geschehen wird und deshalb hat man eventuell das auch nicht mit voller Energie dann verhindert. Warnungen gab es genug. Wenn man sich mit der Region beschäftigt, weiß man, wozu Russland fähig ist. Das Putinsche Russland zumindest. Georgien, dann Krim, Donbass, alles ging, aber trotzdem, glaube ich, waren vor allem die Bombardierungen von Kiew und der Überfall vom belarussischen Territorium vor einem Jahr noch unvorstellbar. Ich kenne keinen Analytiker, der das voraussagen könnte. Weil das, was wir sehen, was wir betrachten, da stößt überhaupt die wissenschaftliche Analyse und die wissenschaftliche Phraseologie an ihre Grenzen.


NΞΤ_Schrift: War es möglich, die Situation zu prognostizieren, und wenn ja, ab welchem Zeitpunkt?

2:22 — 5:02

Kirschbaum: Dieses Szenario, das wir jetzt sehen, ist eigentlich die Fortsetzung der Geschichte von 2014. Damals haben die Russen die Ukraine überfallen. Die Welt hat nicht reagiert, aber sie haben selbst Halt gemacht an den Grenzen der selbsternannten Volksrepubliken, obwohl der Augenblick für eine weitere Invasion besser war damals für Russland, und haben dann gewartet. Und erst jetzt, nachdem auch Putin sich Belarus gesichert hat als Platz, von dem man angreifen kann. Und Putin ging es, das haben wir gesehen, ging es sehr um die Eroberung von Kiew in den ersten Kriegswochen. Dann haben die den Krieg voll gestartet.

Ich bin selbst kein Kriegsexperte. Vielleicht gab es unter den Kriegsexperten bereits gute Expertisen mit genauen Prognosen. Ich als eher Kulturwissenschaftler hatte nur beobachtet. Wir haben alle beobachtet, wie sich die Rhetorik radikalisierte in den russischen Ukrainediskurs in Bezug auf die Subjektivität der Ukraine, in Bezug auf die imperialen Phantomschmerzen Russlands und natürlich der ganze fast physiologische Ukraine- und Ukrainerhass, der in Russland herrschte und herrscht, der ließ nichts Gutes ahnen. Und jetzt sehen wir einen Krieg, bei dem wir nicht wissen, ob die Strategie dieses oder Taktiken dieses Krieges, also geopolitische Ziele, doch nur ein Vorwand sind für das einfache Morden. Ich glaube, dass das Morden von Ukrainern doch ein Selbstzweck dieses Krieges sei. Das ist zumindest der Eindruck, nachdem die Russen sich jetzt zurückgezogen haben aus den Vorstädten von Kiew.


NΞΤ_Schrift: Ist das, was hier geschieht, Kalkül und Plan oder Dummheit und Psychopathie?

5:03 — 6:23

Kirschbaum: Alles geschieht eigentlich nach Kalkül. Wir sehen auch eine Menge nicht nur Kalkül, sondern eine Unmenge von Zynismus hinter jeder russischen Tat und Aktion. Aber trotzdem sind wir momentan Zeugen von einem sehr gefährlichen Amok des Imperiums. Und wenn wir jetzt nicht handeln, werden wir weitere Spiralen der russischen Lust an Gewalt und Mord sehen. Und weil diese Gewalt, diese Lust an Gewalt, die wir jetzt beobachten, ist nicht nur sadistischer Natur, die ist auch suizidal-sardonischer Natur. Das macht das Ganze viel gefährlicher. Russen, Russland will so viele Menschen und Länder in den Tod mitreißen, wie es nur kann in diesen Todeskrämpfen des organisierenden Reichs.


NΞΤ_Schrift: Wie beurteilen Sie die Position Deutschlands in dieser Situation?

6:24 — 9:24

Kirschbaum: Wir sind in Deutschland jetzt und wir haben in den ersten Wochen und bis jetzt eine unglaubliche Hilfsbereitschaft der Deutschen, der Bevölkerung erlebt. Man hat geholfen, gespendet, horizontal große und wirksame Hilfswerke aufgebaut. Und diese Hilfsbereitschaft der Deutschen steht in einem gewissen Kontrast zu der zögerlichen deutschen Russland-Politik. Die deutsche Osteuropapolitik war sowieso schon immer eine sehr kleinliche, kleinbürgerliche, provinzielle und feige Politik. Und heute sehen wir, wie Deutschland das ändern muss, das politische Deutschland. Aber trotzdem bremst Deutschland wiederum die Sanktionen. Das war auch vor zwei Jahren gegenüber Weißrussland, Belarus der Fall. Sie haben Ängste, Ängste vor Russland, Ängste vor dem Wähler, der irgendwie dadurch die Gefährdung des deutschen Biedermeier Idols erblicken würde. Ich würde sagen, die deutsche Politik unterschätzt die Deutschen. Und was sie nicht macht, glaube ich, das ist eine direkte Aufgabe eines Staates, also, ist die Sicherheit, weil die Frage auch dieses Krieges ist, die der Sicherheit. Das begreifen die Vereinigten Staaten, das begreift Großbritannien. Aber Deutschland, glaube ich, betrachtet diesen Krieg noch nicht als eine Bedrohung auch der eigenen oder der europäischen Integrität, und es ist klar warum. Deutschland lebt schon seit 40 Jahren unter dem Schutz der NATO, schätzt aber die NATO wenig, zahlt wenig ein in die NATO und kann sich den Luxus pazifistischer Demagogie dann leisten. Also Deutschland muss jetzt einfach als ein wichtiges, eines der zentralen Länder Europas, also jetzt mehr leisten oder zumindest nicht die anderen hindern auch weitere, radikalere Wege zu gehen gegen das braune Russland.


NΞΤ_Schrift: Was hat sich in Ihrer Wahrnehmung der politischen Situation seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine geändert?

9:25 — 11:11

Kirschbaum: Das ist das Problem, glaube ich… Ich bin einer aus der Osteuropakunde. Bei mir begann alles, diese Veränderung auch des eigenen Selbstverständnisses, 2020 mit den Protesten in Belarus, wo ich gesehen habe, gespürt habe, dass wir nicht mehr zwischen Expertise und Einsatz trennen können, zwischen Analyse und Betroffenheit. Und dass wir Wissenschaftler den Luxus nicht haben, irgendwie aus Distanz von der Seite das Ganze zu beurteilen, zu bewerten, in einem Sessel sitzend, wie ich das auch jetzt tue. Nein, wir müssen stehen. Wir müssen mitlaufen bei Demonstrationen, bei Kundgebungen, fordern Botschaften, fordern vor allerlei Behörden. Nicht nur mit Geist dabei sein, sondern auch mit Körper. Und das, was wir jetzt in diesen Jahren erleben, in diesen zwei Jahren erleben, ist, dass auch stehend bei den Demonstrationen, stundenlang stehend, schreiend, hörend ist die Körperlichkeit des Ganzen. Sonst bleibt das Ganze abstrakt, also, als ein abstraktes Problem. Und das ist kein abstraktes Problem und kein fremdes Problem, kein fremder Krieg.


NΞΤ_Schrift: Was wäre Ihre Prognose für die Zukunft?

11:12 — 13:45

Kirschbaum: Was diesen Krieg angeht, natürlich wird die Ukraine siegen. Das Problem ist natürlich, wann, und ich glaube, jede Handlung, auch jede Sprechhandlung, die wir jetzt tun im Augenblick soll den Augenblick des Sieges näher bringen, und zwar nicht nur des Sieges der Ukraine. Weil es reicht nicht, was die Ukraine siegt, weil solange dort Putin an der Macht ist bzw. ein anderer weil Putin ist keine Missgeburt dieses System, sondern eine konsequente Frucht dieses Systems. Aber solange sie in Russland an die Macht kommen kann, so eine Person, so eine unberechenbare Person, die ein Amokläufer mit einer atomaren Rasierklinge, kann die Welt ihren früheren Geschäften nicht nachgehen, kann nicht ruhig schlafen, kann nicht in ihren tradierten Sorgen und Freuden leben. Das bedeutet, dass diese Ruhe geschehen wird erst, wenn Russland keine atomaren Waffen und chemischen Waffen besitzt. Und es klingt utopisch, aber es ist kein Maximum. Es ist, ich würde sagen, eher ein Minimum.

Das ist nicht meine Prognose, eher meine Warnung, dass wir haben genau jetzt, in diesen letzten 20 Jahren gesehen, wie man Russland immer wieder etwas erlaubt zu tun, und das ist immer eine Verletzung der territorialen oder der ethischen Grenzen. Und Russland geht weiter. Weil die hauptrhetorische Figur von dem ganzen politischen Handeln Russlands ist die Hyperbel, die Figur der Selbstvergrößerung, des Größenwahns und auch der vorsätzlichen, absichtlichen Verletzung jeder Grenze und jeder Norm. Und da muss man Russland stoppen.


NΞΤ_Schrift Was ist jetzt mit der russischen Kultur?

13:46 — 15:41

Kirschbaum: Was die Zukunft angeht, am wenigsten interessiert mich in diesem Augenblick die russische Kultur. Wir sehen natürlich eine Exodus-Bewegung, wo die Kunstkulturkräfte schleunigst das Land verlassen, erst mal provisorisch Richtung Tiflis, Jerewan, Bischkek, Almaty, natürlich Istanbul. Dann werden irgendwann diese Leute bei uns hier in Deutschland, in Prag, in Warschau ankommen und hier eine alternative Kultur aufbauen müssen. Präzedenzfälle haben wir ja, sowohl die russische Emigration nach der Revolution, als auch die große polnische Emigration im 19. Jahrhundert, sie hat auch im Ausland, in Paris und sonst wo, wirklich ein anderes Polen aufgebaut. Wenn es länger dauern wird mit Putin, mit seinen Nachfolgern, mit diesem System, dann geht kein Weg vorbei an einem sorgfältigen Aufbau einer anderen russischen Kultur im Ausland, wie es zum Beispiel momentan Belarus das im Exodus macht.


 


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