Das Geburtstrauma der russisch-orthodoxen Kirche

21.06.2022

Das litauische Außenministerium schlug Ende April vor, den Moskauer Patriarchen Kyrill in die Liste der mit Sanktionen belegten Personen aufzunehmen. Dieser Vorschlag wurde mit dem 6. Sanktionspaket gegen die die Russische Föderation geprüft, wobei der Führer der russischen orthodoxen Kirche am Ende nicht in die Liste aufgenommen wurde, da sich vor allem der ungarische Premier Viktor Orban vehement dagegen aussprach. Bisher sind in der Liste russischer Staatsbürger, die von der EU, Amerika und anderen Ländern mit Sanktionen belegt wurden, vor allem Staatsbeamte und einflußreiche Wirtschaftsmagnaten zu finden, die mit dem Staat in Verbindung stehen sowie einflussreiche Propagandisten Putins, aber keine Vertreter religiöser Organisationen.

Für europäische Zeitgenossen ist es schwer zu verstehen, warum das Oberhaupt einer großen christlichen Konfession den Militarismus unterstützt, den Krieg rechtfertigt und sich solidarisch mit dem Vorgehen eines autoritären Regimes zeigt. Bis jetzt stellte sich der Patriarch Kyrill in all seinen Äußerungen seit Ende Februar, als die russische Invasion in die Ukraine begann, ausnahmslos auf die Seite des Angreifers und demonstrierte damit, dass die russische Kirche ein untrennbarer Teil der Putin’schen Staatsmaschinerie ist und all seine Entscheidungen moralisch rechtfertigt. Beispielsweise sagte Kyrill in einer seiner sonntäglichen Predigten: “Möge Gott uns allen in dieser für unser Vaterland schwierigen Zeit helfen zusammenzuhalten, denjenigen im Umfeld der Macht und der Macht selbst, ihrer Verantwortung für ihr Volk gerecht zu werden, in Demut und der Bereitschaft, sogar das eigene Leben hinzugeben.” Solche Beispiele lassen sich dutzendweise finden. Andere Bischöfe widersprechen ihm nicht und geben ebenfalls aggressive politische Erklärungen ab, richten ihre Herde darauf aus, sich um die Handlungen der Staatsmacht zu scharen. Das wirkt auf den ersten Blick überraschend, wenn nicht gar schockierend, doch wenn wir die historischen Wurzeln verfolgen, überrascht es ganz und gar nicht.

Kurz zuvor verfasste Andrej Pinchuk, ein Priester aus der Diözese Dnepropetrovsk einen öffentlichen Aufruf an den Rat der Vorsteher der alten Ostkirchen mit der Forderung, gegen den Patriarchen Kyrill ein Gerichtsverfahren zu beginnen. Diesen Aufruf unterschrieben 400 ukrainische Geistliche. Sie fordern ein allorthodoxes Gerichtsverfahren über den russischen Patriarchen, den Kopf dieses gesamten Kirchenzweiges, dem sie weiterhin angehören. Zur Begründung führen sie zum Einen die Predigt über die Doktrin der “russischen Welt” an, welche die Autoren des Briefes zur Häresie erklären möchten, zum Anderen die faktische Segnung des Krieges in der Ukraine. “Ungeachtet der Tatsache, seit vielen Jahren in allen seinen Veröffentlichungen betont hat, dass er die orthodoxen Christen in der Ukraine als seine Herde betrachtet, für die er die Verantwortung trage, segnet er heute geradeheraus die physische Vernichtung eben dieser Herde durch die russischen Truppen,” — steht in diesem Aufruf.

Zu Anfang seines Patriarchats reiste Kirill regelmäßig in die Ukraine, beging beispielsweise den Tag des heiligen Fürsten Wladimir in Kiew, wo man ihn feierlich empfing und eine Sitzung der Synode abhielt. In der Hauptresidenz des Patriarchen im Danilov Kloster in Moskau hisste man Flaggen aller Länder seines so genannten “kanonischen Territoriums”, darunter auch die ukrainische. Kyrill definierte sich als Patriarch der “russischen Welt”, zu der beinahe das gesamte Gebiet des ehemaligen Sowjetimperiums gehörte, vor allem die Länder der “Brudervölker” Ukraine und Belarus.

Vor dem Zerfall der UdSSR und dem Beginn der so genannten “religiösen Wiedergeburt” waren die orthodoxen Gemeinden und Bistümer in der Mehrzahl der Sowjetrepubliken juristisch ein Teil der russischen Kirche. In der kommunistischen UdSSR war die Religion verboten, wobei ausgerechnet die russische orthodoxe Kirche, im Unterschied zu anderen, kleineren Konfessionen, enge Beziehungen zum Parteiapparat der KPdSU und des KGB unterhielt. Das kam zum großen Teil daher, dass die orthodoxen Gemeinden ethnische Gemeinschaften blieben, in denen die russischsprachigen Bürger der kleineren Sowjetrepubliken sich zusammenschlossen. Die Ukraine und Weißrußland waren in den ersten postsowjetischen Jahrzehnten kulturell und politisch viel enger mit Russland verflochten als die anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Obwohl sich gerade in der Ukraine am schnellsten einige voneinander unabhängige orthodoxe Rechtsgemeinschaften bildeten, halboffiziell und von Moskau nicht anerkannt, welches sich kategorisch gegen jegliche Abspaltung (russisch “Raskol”) und damit Beschneidung seiner Macht aussprach. Diese Situation war immer wieder der Gegenstand von diplomatischen Verhandlungen und Konflikten in der weltweiten Orthodoxie, gleichzeitig verbesserte die Konkurrenz der verschiedenen kirchlichen Institutionen die Ordnung innerhalb der orthodoxen Kirche der Ukraine. Ukrainische Bistümer und Gemeinden stellten allerdings einen bedeutenden Teil der Russisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchen dar und ermöglichten es ihm, sich zur zahlenmäßig größten orthodoxen Kirche weltweit zu erklären. Die ukrainischen Gemeinden trugen zudem erheblich zur finanziell stabilen Lage der russisch-orthodoxen Kirche bei.

Ukrainische Bischöfe beeinflussten maßgeblich den Ausgang der bischöflichen und lokalen Konzile der russisch-orthodoxen Kirche, welche nach den Statuten das höchste Verwaltungsorgan darstellen. In der Zusammensetzung des Konzils stimmten sie im Jahre 2009 für die Wahl des Smolensker Metropoliten Kyrill zum russischen Patriarchen.

Im Jahre 2014, nach dem Majdan, der Eroberung der Krim und dem Beginn des Krieges im Südosten der Ukraine, reiste Patriarch Kyrill nicht mehr nach Kiew. Metropolit Hilarion (Alfeyev), Leiter der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen, wurde vom ukrainischen Geheimdienst an der Grenze zurückgeschickt.

Jede nationale orthodoxe Kirche definiert sich über ihre Beziehungen zu ihrem Staat. Und der tragische Zustand der ukrainischen Orthodoxie besteht seit 2014 darin, dass die einzige kanonische Kirche auf ihrem Territorium, die von allen orthodoxen Kirchen der Welt anerkannt wird, sich weniger auf ihren eigenen Staat, sondern auf einen fremden, sogar feindlichen Staat — nämlich Russland bezieht und dem Patriarchen Kyrill unterstellt ist.

Die Priester und Bischöfe der ukrainisch-orthodoxen Kirche verloren das Vertrauen eines großen Teils ihrer Gläubigen und wurden durch das Kürzel „MP“.

Für Moskauer Patriarchat – im Namen ihrer Kirche zu Fremden im eigenen Land. Gleichzeitig blieb für Patriarch Kyrill die „ukrainische Frage“ so schmerzhaft, dass er sich überhaupt nicht damit befasste. Daraufhin nahmen sich Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel und seine Kirchendiplomaten der Sache an. Und so wurde 2018 die von Moskau unabhängige orthodoxe Kirche der Ukraine auf der Basis alternativer ukrainisch-orthodoxer Gemeinschaften gegründet, die zuvor als nicht kanonisch galten. Der damalige Präsident Petro Poroschenko war von der Gründung der ukrainischen Kirche sehr angetan, sie war Teil seiner Wahlkampagne, aber trotz seines Sieges im kirchlichen Bereich wurde er nicht für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Poroschenko verkündete dem Volk mit folgenden Worten, dass eine neue ukrainische Kirche gegründet worden sei: „Heute ist der Tag, an dem wir endgültig die Unabhängigkeit der Ukraine von Russland erreichen. Die Ukraine wird nicht mehr, wie Taras Schewtschenko sagte, ‚aus dem Moskauer Giftbecher‘ trinken.“

Dennoch blieb es in den folgenden drei Jahren in der Ukraine bei zwei parallelen großen orthodoxen Glaubensgemeinschaften, und das Oberhaupt der ukrainischen Kirche des Moskauer Patriarchats, Metropolit Onufry von Kiew, formell dem Patriarchen Kyrill unterstellt, blieb ein angesehener und verehrter religiöser Führer in der Ukraine. Gemessen an der Zahl der Gemeindemitglieder und Diözesen ist die ukrainische orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats bis heute die größte religiöse Organisation in der Ukraine. Sie hat sich allerdings nach und nach immer weiter von Moskau distanziert.

Die ganze Zeit hindurch wiederholte Patriarch Kyrill gebetsmühlenartig, dass die Ukrainer, die Russen und die Weißrussen ein Volk seien, das „aus dem Brunnen von Kiew“ (gemeint ist die Taufe der Rus‘ im Jahr 988) hervorgegangen sei und das von bösen Politikern gespalten wurde, während das Volk selbst nach Einheit strebe, einschließlich der kirchlichen Einheit. Auch war der Patriarch einer der Hauptideologen der Doktrin von der „russischen Welt“, in der die Ukrainer als Unterethnie der russischen Nation dargestellt werden und der Ukraine die Subjektivität als Staat abgesprochen wird: Wenn es keine Nation gibt, dann kann man mit ihr machen, was man will. Dies deckt sich voll und ganz mit Putins eigenwilliger Interpretation der ukrainischen Geschichte, die den russischen Fernsehzuschauern am Vorabend des Krieges präsentiert wurde: Eine interaktive Karte stellte das Territorium der Ukraine als eine Reihe von „Schenkungen“ russischer Herrscher von Peter dem Großen bis Lenin und Chruschtschow dar.

Doch nun zur Geschichte der russisch-orthodoxen Kirche, denn sonst bleiben viele Fragen ungeklärt: Die russisch-orthodoxe Kirche als Organisation wurde 1943 von Joseph Stalin gegründet. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war praktisch die gesamte historische orthodoxe Kirche zerstört – in den Jahren des militanten Atheismus der Bolschewiki wurde der Klerus als feindliche Klasse liquidiert. Zehntausende von Priestern, Bischöfen und Mönchen wurden erschossen oder starben in Lagern. In Freiheit geblieben und de facto die höchste kirchliche Autorität usurpiert hatte damals der Metropolit Sergius (Stragorodsky) – er war der stalinistischen UdSSR gegenüber äußerst loyal. Um das, was von der Kirchenhierarchie noch übrig war, zu retten, gab er 1927 seine „Erklärung“ ab, in der er Stalin mit den Worten „eure Freuden sind unsere Freuden“ die Unterwerfung der Überreste der orthodoxen Kirche unter die Sowjetregierung demonstrieren wollte. Viele inhaftierte Metropoliten akzeptierten Sergius‘ Position entschieden nicht und forderten ihre Herde zu einem riskanten Kirchenleben außerhalb der gesetzlichen Grenzen auf, im Untergrund, in den Katakomben. Die Kollaboration mit dem Staat wurde später nach Metropolit Sergius „Sergianismus“ genannt.

Nach dem Ausbruch des Krieges mit Deutschland war Stalin der Meinung, dass die Orthodoxie zu einem wichtigen Einigungsfaktor im Angesicht des Feindes werden könnte. Darüber hinaus öffneten die Deutschen in den von ihnen besetzten Gebieten die Kirchen, die von den Bolschewiken geschlossen und verwüstet worden waren, was einen erheblichen Einfluss auf die Einstellung der lokalen Bevölkerung gegenüber den Deutschen hatte.

Stalin rief zunächst die drei verbliebenen Bischöfe, die zu diesem Zeitpunkt noch lebten und auf freiem Fuß waren, zu einem Gespräch zu sich und erlaubte ihnen dann, ein Konzil zur Wahl von Sergius zum Patriarchen einzuberufen. Damit dieses Konzil stattfinden konnte, wurden noch einige weitere Bischöfe aus der Haft entlassen. Die neue Organisation erhielt den Namen „Russische Orthodoxe Kirche“, während die orthodoxe Kirche im Russischen Reich vor der Revolution „Russische Griechisch-Katholische Orthodoxe Kirche“ hieß und von der staatlichen „Abteilung des orthodoxen Bekenntnisses“ verwaltet wurde. Und in der kurzen Zeit der Unabhängigkeit nach der Revolution wurde sie in den Dokumenten des demokratischsten Gremiums in der Geschichte der russischen Orthodoxie, dem Lokalen Rat von 1917-1918, als „Russische Orthodoxe Kirche“ bezeichnet. Hier ist es wichtig zu beachten, dass es in der russischen Sprache zwei Wörter gibt, etwa „russisch“ und „russistisch“, wobei das Erste die ethnische Komponente und das Zweite die zivile Komponente betont. Mit anderen Worten: Der neue Name stärkte die ethnische Zugehörigkeit, das „Russischsein“ und den traditionellen Charakter der neuen Kirchenstruktur. Gleichzeitig mit der Gründung der russisch-orthodoxen Kirche schuf Stalin ein eigenes Kontrollgremium im System der Staatssicherheit, den Rat für Angelegenheiten der Russisch-Orthodoxen Kirche. Ausgerechnet die KGB-Offiziere, die in dem Rat arbeiteten, waren in all den Jahren der Sowjetmacht für die Rekrutierung der Kader und die Verwaltung der Kirche verantwortlich.

Das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat wurde in Russland nie ganz verwirklicht, obwohl es in den postsowjetischen Jahren in der Verfassung und dem Gesetz „Über die Gewissensfreiheit und religiöse Vereinigungen“ von 1997 verankert wurde. Tatsächlich hat die russische orthodoxe Kirche schon immer steuerliche und andere Vergünstigungen genossen, sie erhielt staatliche Unterstützung als Gegenleistung für ihre Loyalität und die Versorgung der staatlichen Macht mit einer eigenartigen traditionalistischen Erzählung. Die Orthodoxie im Allgemeinen zeichnet sich durch enge koabhängige Beziehungen zu Nationalstaaten mit einer ausgeprägten ethnischen Basis aus. Die Kirche kann nicht ohne den Staat auskommen und ihre öffentliche Rhetorik ohne Patriotismus und politische Zustimmung zu der jeweilig aktuellen Regierung aufbauen – sie ist eine Art Exoskelett, das die Hierarchie stützt und es ihr ermöglicht, sich zu reproduzieren.

Die postsowjetische Periode in der Geschichte der russisch-orthodoxen Kirche dauert nun bereits drei Jahrzehnte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion, als man ihr quasi die Freiheit geschenkt und die Kontrolle des Geheimdienstes durch die Abschaffung des Rates für religiöse Angelegenheiten gelockert hatte, bekam das Moskauer Patriarchat Angst vor der Konkurrenz: in das Land, das durch Instabilität demoralisiert war und nach Wundern dürstete, strömten haufenweise ausländische protestantische Prediger, verschiedene totalitäre Sekten und humanitäre Missionen der katholischen und anderer orthodoxer Kirchen. Mit ihnen als Gleiche unter Gleichen zu konkurrieren, war gefährlich und erniedrigend für die russisch-orthodoxe Kirche, also wählte sie den bekannten Weg, indem sie sich auf den Staat stützte und ihm das einzige Gut verkaufte, über das sie verfügte, nämlich die sakrale Legitimation der Staatsmacht, die Anerkennung ihrer Verwurzelung in der russischen Geschichte. Im Gegenzug erhielt die Kirche de facto den Status einer Staatskirche, obwohl es de jure im multiethnischen Russland vier traditionelle Religionen gibt, nämlich die Orthodoxie, den Islam, den Buddhismus und das Judentum, was auch im Gesetz über die Religionsfreiheit verankert ist.

Im Zuge dessen erhielt die russisch-orthodoxe Kirche auch ihren früheren Besitz zurück, obwohl es in Russland sonst keine Rückerstattung gab. Die orthodoxe Kirche erhielt als einzige Institution die von den Bolschewiken enteigneten Immobilien – Kirchen, Klöster und andere Gebäude – zurück, ebenso wie ihre Steuerprivilegien und weitere Vergünstigungen.

Daher war es naiv zu glauben, dass der Patriarch Kyrill oder einer seiner Bischöfe es wagen würde, sich gegen den Krieg auszusprechen, obwohl ein Land aus dem kanonischen Territorium der russisch-orthodoxen Kirche ein anderes angegriffen hat und obwohl auf beiden Seiten orthodoxe Priester gestorben sind. Diese Kirche als Verwaltungsstruktur wurde von Stalin erfunden und fügte sich deshalb nahtlos in Putins autoritären Staat ein. Sie kann in einer freien Gesellschaft nicht existieren und unterstützt die Vertikale der Macht bedingungslos, ohne Rücksicht auf deren moralischen Qualitäten. Und sie wird weiterhin jede ihrer Handlungen gutheißen, bis sie das Gefühl hat, dass diese Macht schwächer wird und sie Beziehungen zu ihrer stärksten Konkurrentin, der potentiellen künftigen Staatsmacht, aufbauen muss.

Illustration: Maria Pokrovskaya


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