Aus der Redaktion: Deutschland hat sich an den Krieg gewöhnt

24.06.2022

Wir haben uns nicht daran gewöhnt. Manche Leute haben sich nicht daran gewöhnt.

Wer sind diese »wir«? Ich kann und will darüber nicht schweigen.

Kann ich mich nicht an die Tatsache gewöhnen, dass meine erste, meine stolze, meine poetische Sprache Russisch nunmehr verflucht ist?  Liegt es daran, dass Europa und Deutschland jetzt voller Flüchtlinge ist, für die das kyrillische Alphabet wie für mich heimisch ist? Ist es jetzt so, weil ich Schuldgefühle habe? Wie die Deutschen über den zweiten Weltkrieg und den Holocaust?

Ein Mensch, der mit Worten umgehen und analysieren kann, befindet sich immer in einer Zwickmühle, zwischen Skylla und Charybdis: Was tun?, fragt er sich. Langsam schreiben, in die Tiefe gehen, in die Wissenschaft? Oder schnell, knapp und bündig nur über das Wesentliche schreiben, und damit die Idee des zweitältesten Gewerbes der Welt bestätigen? Oder, wie die Alten zu sagen pflegten, sollen wir den Mund halten, denn es ist keine Zeit für Musen, sie sollen schweigen, wenn die Kanonen donnern?

Der Krieg ist der stärkste Katalysator für alles.

Unsere Gedanken sind schneller veraltet, als wir sie überhaupt zu Ende denken können. Wir müssen uns beeilen und wir müssen akzeptieren, dass jede Analyse jetzt zu einer Analyse der Frontberichte wird. Und das ist nur heute und für heute möglich.

NΞT_Schrift ist ein Mittel, um sich in Zeiten der Sintflut über Wasser zu halten.

Als diese Publikation konzipiert wurde, hatte der Krieg noch nicht begonnen. Aber es roch schon danach. Er hing schon  in der Luft.

Jetzt mussten wir — das ist die Entscheidung unserer gesamten Redaktion — uns als Experten für Osteuropa äußern, als Experten für Russland, das den Krieg entfesselt hat. Wir werden auf Deutsch erklären, wie und warum wir an den historischen Punkt gelangt sind, an dem wir uns heute befinden.

Lesen Sie von uns unter anderem:

  • warum die russisch-orthodoxe Kirche und der Militarismus untrennbar miteinander verbunden sind;
  • wie und warum Russland instabile Zonen in Europa geschaffen hat und was jetzt mit diesen Metastasen geschieht;
  • was Europa und insbesondere Deutschland beim Blick nach Osten übersehen haben;
  • wie sich aktuelle Situation und ihre Vorgeschichte aus der Sicht der russischen Oligarchie heraus erklären lässt und vieles mehr.

Wir als Redaktion sehen unser Ziel darin, dem westlichen Europa zu erklären, was bei seinen östlichen Nachbarn vor sich geht.

Wir werden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, nicht mit Nachrichten bombardieren, Sie wissen schon, wo Sie sie bekommen.

Wir werden kurze, prägnante Beiträge zu wichtigen und dringenden Themen liefern.

Nachrichten fließen schnell — und oft an uns vorbei. Warum, werden wir gemeinsam herausfinden.

Denn wir bieten Ihnen “tiefgreifende Analysen zu flüchtigen Nachrichten” und hoffen auf einen regen Austausch mit Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser.

Illustration: Rongvold


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