Architektur für militante Staatsorthodoxie

15.06.2022

Der Kirchenbau ist zu einem Symbol für die letzten dreißig Jahre der sogenannten “kirchlichen Wiedergeburt” geworden, welche sich in den Jahren des postsowjetischen Übergangs der russischen Geschichte vollzog und der nun in ein so fatales Scheitern mündete: der Rückkehr des Totalitarismus und einem schrecklichen Krieg. Die russische Kirche hat aktiv daran teilgenommen, unter anderem, indem sie das stilistische, symbolische Bild des Putinismus geprägt und ihm eine sakrale, mystische Dimension verliehen hat.

Der militante Atheismus des frühen Sowjetregimes forderte Opfer: in den ersten Jahrzehnten der Sowjetunion wurden unglaublich viele Sakralbauten der verschiedenen Religionen zerstört. Kirchen wurden gesprengt und an ihrer Stelle U-Bahnhöfe, Stadien und Wohnhäuser gebaut, oder die Flächen fielen brach. Im günstigsten Fall bauten die Sowjets Kirchen für ihre Zwecke um und nutzten sie als Lagerhäuser (oft mit giftigen Substanzen, deren Dämpfe die alten Fresken verätzten), Druckereien, Kinos, Forschungsinstitute oder Wohnheime. Auch innerhalb des Moskauer Kremls wurden zwei Klöster abgerissen, das Tschudov und das Voznesensky Kloster. Glück hatten die Kirchen, die in Museen umgewandelt oder, in den seltensten Fällen, weiter als Kirchen genutzt wurden. Vor der Revolution von 1917 war die russisch-orthodoxe Kirche einer der größten Immobilienbesitzer im Russischen Reich, deshalb wurde während des Sowjetregimes soviel abgerissen und verstaatlicht. Das vernichtete etwa ebensoviel kulturelles Erbe der Menschheit wie die Sprengung der Buddha-Statuen durch die Taliban in Afghanistan oder die Zerstörung der antiken Monumente von Palmyra und Mosul durch den IS. Nur gab es damals keine Massenmedien, die das dokumentieren, geschweige denn live zeigten, und so blieb der Abriss hunderter alter orthodoxer Kirchen in Russland durch die Bolschewiki nicht einmal den Russen selbst in lebendiger historischer Erinnerung.

Das Erscheinungsbild der russischen Städte veränderte sich dadurch jedoch erheblich — wo früher goldene Kuppeln in der Sonne glitzerten, blinkten jetzt mit billiger Silberfarbe gestrichene Lenin-Denkmäler. Auch die Toponymie war betroffen: Die zentralen Straßen, die oft nach den Schutzheiligen der an ihr befindlichen Kirchen benannt waren, trugen nun die Namen bolschewistischer Führer. Zusammen schuf dies den symbolischen Raum, in dem der Sowjetmensch existierte. Bis heute wurden viele Straßen trotz wiederaufgebauter Kirchen noch nicht umbenannt, so dass eine semantischer Eklektizismus in der Topografie entstand.

Zu Beginn der Perestroika, war einer der Wendepunkte, der für die Gesellschaft von Bedeutung war, die großen Feierlichkeiten zum 1000-jährigen Jubiläum der Taufe der Rus‘ im Jahr 1988. Kirchliche Feiern in bisher nie dagewesenen Ausmaß symbolisierten das Ende der Verfolgung wegen des Glaubens und die Hoffnung auf die Wiederherstellung beschädigter historischer und kultureller Zusammenhänge. Viele Jahre lang schien es so, als ob das auch geschehe.

In den 1990er und 2000er Jahren beschäftigte die russisch-orthodoxe Kirche sich fast ausschließlich mit ihrer baulichen Expansion. In der Russischen Föderation gab es keine offizielle Restitution; keine Erben von Institutionen und Einzelpersonen erhielten ihr von den sowjetischen Behörden verstaatlichtes und beschlagnahmtes Eigentum zurück. Mit einer Ausnahme — der russisch-orthodoxen Kirche. Obwohl das Wort „Restitution“ nicht fiel, wurden seit Anfang der 1990er Jahre mehrere Gesetze verabschiedet, die die Rückgabe von religiösen Besitztümern an die Kirche zum Inhalt hatten. Im Jahre 2010 wurde unter Präsident Dmitri Medwedew trotz der Proteste von Kulturschaffenden, Kunsthistoriker*innen, Restaurator*innen, Museumsfachleuten usw. ein Gesetz verabschiedet, das die Rechte der Kirche an Immobilien ausweitete und ihr erlaubte, ehemalige Kirchengebäude, nicht nur die Kirchen selbst, wieder in Besitz zu nehmen und nach eigenem Gutdünken darüber zu verfügen. Die Erhaltung vieler Architekturdenkmäler und ihre Zugänglichkeit für die Öffentlichkeit außer für religiöse Zwecke ist nach wie vor ein Problem. Und in der Region Kaliningrad (ehemals Ostpreußen und Königsberg), in der es vor der Revolution gar keine orthodoxe Tradition gab, die aber in den 1990er- bis 2000er-Jahren die Diözese des zukünftigen Patriarchen Kyrill war, erhielt die russisch-orthodoxe Kirche ursprünglich lutherische und katholische Kirchen und sogar ehemals deutsche Schlösser, weil es Gebäude für religiöse Zwecke seien.

Zum wichtigsten Symbol Moskaus in der Ära Jelzin und des Patriarchen Alexij II. wurde ein grandioses Bauprojekt mitten im Zentrum der Stadt: die Wiedererrichtung der Christ-Erlöser-Kathedrale, die Anfang des 20. Jahrhunderts zum Gedenken an den Krieg von 1812 und den Sieg über Napoleon errichtet und 1931 zerstört worden war. An ihrer Stelle wollten die Bolschewiki das gigantische “Haus der Sowjets” errichten, ein Zikkurat, gekrönt von einer riesigen Lenin-Statue, das die Macht der Sowjets sakralisiert und ganz Moskau dominiert hätte. Doch mit dem Ausbruch des Krieges wurde das riesige Bauvorhaben auf Eis gelegt, und später wurde auf den Fundamenten das größte Freibad der UdSSR errichtet.

Die in den 1990er Jahren wiederaufgebaute Kirche, die als Akronym für den russischen Namen , ”Chram Christa Spasitelja” sofort abschätzig “Cha-Cha-Es“ genannt wurde, wie um ihre politische, offizielle Rolle gegenüber ihrer spirituellen, christlichen Rolle zu betonen, wurde zum Sinnbild der engen Beziehungen zwischen der russisch-orthodoxen Kirche und dem neuen russischen Staat. Auf der einen Seite war sie ein pompöses, reich ausgestattetes, wenn auch hastig erbautes “Zentrum der Spiritualität”, auf der anderen Seite war sie immer wieder mit Skandalen verbunden. So gehört eine große kommerzielle Autowaschanlage zum Gebäudekomplex der Kirche, riesige Räumlichkeiten im Untergeschoss der Kathedrale werden für nicht-religiöse Veranstaltungen vermietet und so weiter.

Obwohl man danach strebte, das historische Gebäude des Architekten Thon wiederherzustellen (welches die Zeitgenossen schon im 19. Jahrhundert nicht mochten und als nicht zu Moskau passend empfanden), wurde es schließlich eine Neuauflage, die in gewisser Hinsicht ihrer Zeit entspricht, nämlich den übergeschnappten russischen Banditen der 1990er und den reichen, satten 2000er Jahren. Stilistisch passt die Kirche zum Schönheitsempfinden der damaligen politischen und wirtschaftlichen Eliten. Der Bau dauerte mehrere Jahre und die Einweihung fiel passenderweise unmittelbar an den Anfang von Putins Regierungszeit. Eine Woche bevor die Kathedrale im August 2000 geweiht und eröffnet und in den geräumigen, extra für große Versammlungen entworfenen Sälen im Sockelgeschoss ein Bischofskonzil abgehalten werden sollte, sank das U-Boot “Kursk” und der Fernsehturm von Ostankino ging in Flammen auf. Dies waren die beiden unheilverkündenden Ereignisse, die den Beginn der Ära Putin begleiteten. Aufgrund der in Russland herrschenden Trauer um die gestorbenen Seeleute fiel die Einweihung der Christ-Erlöser Kathedrale viel bescheidener aus als geplant.

Seitdem stehen jedes Jahr an Weihnachten und Ostern in eben dieser Kirche allerhöchste Staatsfunktionäre mit Kerzen in der Hand, in diesem Jahr nahmen Präsident Putin und der Moskauer Bürgermeister Sobjanin am Ostergottesdienst teil. Eben hier wurde das Konzil der Russisch-Orthodoxen Kirche abgehalten, das den Patriarchen Kirill wählte und hier fand auch seine feierliche Amtseinsetzung statt. In diese Kathedrale wurden Heiligtümer der griechischen Welt (z. B. der “Gürtel der Jungfrau Maria”), und Schlangen von Tausenden von Menschen wurden zu einem sichtbaren Teil des Moskauer Stadtbildes.

Doch im Jahr 2012 wurde die Kathedrale der Heiligen Jungfrau durch einen gewagten 30-sekündigen Auftritt der feministischen Punkband Pussy Riot mit ihrem Punksong “Jungfrau Maria, vertreibe Putin” geschändet. Dieses Ereignis entpuppte sich rasch als Wendepunkt in der postsowjetischen Geschichte der Russischen Orthodoxen Kirche. Die Aktivistinnen Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa wurden zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt und im Vorfeld des Prozesses gab es eine groß angelegte Propagandaoffensive. Das Staatsfernsehen zeigte Filme über die Bedrohung durch Gotteslästerung, welche vom Westen inspiriert und bezahlt werde und vor der Moskauer Kathedrale fand im April 2012 ein Gebetstreffen von vielen tausend Menschen “für den Glauben” und gegen die Schändung von Heiligtümern statt. Aufgrund dieses Falles wurde das Blasphemiegesetz verabschiedet, eines der ersten und wichtigsten repressiven Gesetze des letzten Jahrzehnts.

Der Fall Pussy Riot veränderte das Verhältnis zwischen der russisch-orthodoxen Kirche und einem erheblichen Teil der russischen Gesellschaft von Grund auf. Die heftige Bestrafung für ein derart unbedeutendes Vergehen und der Einsatz von Sicherheitskräften zum Schutz vor “Schändungen” stieß Intellektuelle und junge Menschen ab. Patriarch Kirill fühlte sich schutzbedürftig und entschied sich endgültig für die Staatsmacht und die “Silowiki” (Geheimdienste und Armee) als seine wichtigsten Verteidiger. Symbolisches Ergebnis dieser Entscheidung wurde ein gigantisches neues Bauprojekt.

Im Jahr 2020, inmitten der Coronavirus-Pandemie, wurde die Hauptkirche der russischen Streitkräfte eingeweiht — ein riesiges Bauwerk in der Nähe von Moskau, im Zentrum des neuen “Patriot”-Parks, ein Tempel des Verteidigungsministeriums. Er wurde sofort “Tempel für den Abstieg in die Hölle” genannt und zum Inbild von Kyrills Patriarchat: reich, düster, mit groben Mosaiken, die feierliche Momente der russischen Geschichte zeigen, welche sich den Erbauern und Auftraggebern der Kirche zufolge triumphal von einem Sieg zum anderen entwickelte. Die riesige vergoldete Christusstatue ähnelt eher einem Buddha. Die ästhetische Erscheinung dieser Kirche wurde mit einem Kühlschrankmagneten verglichen, mit einem heidnischen Tempel, einem Altar für den Gott des Sieges — alles mögliche, bloß keine christliche Kirche.

In allen offiziellen Beschreibungen der Armeekirche wird eine magische Numerologie erwähnt, die der christlichen Tradition direkt entgegensteht: Die Ikonostase hat 48 Ikonen, entsprechend der Anzahl der Monate des Großen Vaterländischen Krieges, wenn man Japan mitzählt (die Anzahl der Ikonen so zu berechnen steht außerhalb jeglicher Tradition), die Mosaikfläche beträgt 2644 Quadratmeter, entsprechend der Anzahl der Vollmitglieder des Ordens der Herrlichkeit, das Gebäude ist 96 Meter hoch, weil das Jahr 960 als das Geburtsjahr von Fürst Wladimir, dem Namenspatron von Präsident Putin, gilt. Die Hauptikone der Kirche ist auf die Bretter der Lafette einer acht Pfund schweren gusseisernen Kanone von 1710 gemalt, die vom Grund der Newa gehoben wurde. Ein Priester der Russisch-Orthodoxen Kirche, Hieromonk Ioann Kurmoyarov, schrieb auf Facebook: “Wenn es noch weitergeht, fürchte ich, dass es zur Geburt eines neuen pseudo-orthodoxen kaiserlich-militaristischen Kults führen wird, wie die alten römischen synkretistischen Kulte, bei denen die Hauptbedingung nicht die Loyalität zu Christus und seiner Kirche ist, sondern die Loyalität zum Kaiser und dem Staat”. Nach dieser öffentlichen Kritik wurde er seines Amtes enthoben.

Diese Kirche mit all ihrer esoterisch-patriotischen “Füllung” wurde bereits vor zwei Jahren geweiht und entwickelte sich zu einem finsteren Abbild der militaristischen Expansion der russischen Welt, gesegnet von der Russisch-Orthodoxen Kirche, einer Struktur, die von Stalin auf den Trümmern der historischen russischen Orthodoxie errichtet wurde und der es wohlergeht, solange sie das jeweilige politische Regime in Moskau unterstützt und ideologisch legitimiert.

Diese Kirche wurde am Vorabend eines neuen Krieges errichtet, um ihm eine ideologische und sakrale Basis zu geben. Von der Kanzel eben dieser Kirche predigt Patriarch Kyrill, den die EU auf die Sanktionslisten setzen wollte, es aber doch — noch — nicht tat, für eine militärische Invasion der Ukraine und scheut dabei auch vor Falschaussagen nicht zurück: “Russland will niemandem schaden, will niemanden besetzen, will niemandem die Ressourcen entziehen, wie es die meisten reichen und mächtigen Länder tun, die schwache und hilflose Länder wirtschaftlich besetzen. Wir brauchen das alles nicht, wir sind autark, wir brauchen nur eines: unsere wahre Freiheit, unsere Unabhängigkeit von diesen Weltmächten, die heute leider Russland gegenüber feindlich gesinnt sind. Wir müssen alle unsere Kräfte bündeln, sowohl geistig als auch materiell, damit niemand es wagt, in die heiligen Grenzen unseres Vaterlandes einzudringen”.

Illustration: Maria Pokrovskaya


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